Wenn Erfahrung entscheidet: Drei Ersthelfer verhindern medizinische Fehldiagnose

Der „SVBS AWARD“ für die Ersthelfer des Jahres 2024 geht an Pascale Imboden, Katja Nafz und Rolf Märchy von der Kantonsschule Hohe Promenade.

Sie hörten auf ihr Bauchgefühl, auf ihren Instinkt und auf ihre Intuition – und erkannten dadurch einen medizinischen Notfall, obwohl offensichtliche Symptome fehlten.

In einem ruhigen Teil des Schulgeländes, bekannt als der obere Garten, ereignete sich ein besorgniserregendes, jedoch nicht lebensbedrohliches Ereignis: Ein IT-Mitarbeiter wurde auf einen Schüler aufmerksam, der abwesend wirkte, nicht sprach und etwas Robotisches an sich hatte, als er ins Leere starrte. Abgesehen von diesem Verhalten zeigte der Schüler keine weiteren Auffälligkeiten.



Besorgt über den Zustand des Schülers begleitete der IT-Mitarbeiter ihn in die Schulsanität. „Dort legten wir den Schüler auf das Liegebett und versuchten, mit ihm zu kommunizieren“, erzählen die Ersthelfer. „Trotz unserer Bemühungen gab er keine Antwort, wirkte aber ansonsten völlig normal. Ein instinktives Bauchgefühl liess uns jedoch spüren, dass etwas nicht stimmte. Wir vermuteten ein zerebrales Ereignis und kontaktierten umgehend den Notruf 144.“

Die herbeigerufenen Sanitäter führten diverse Tests durch, die alle negativ ausfielen. Diese Ergebnisse verstärkten zunächst ihre Annahme, dass der Junge möglicherweise simuliere. Die Tests, die üblicherweise darauf ausgerichtet sind, sofort erkennbare medizinische Probleme zu identifizieren, zeigten keine Auffälligkeiten, was die Situation für die Sanitäter zunächst eindeutiger erscheinen liess.

„Trotz der negativen Testergebnisse war unser Instinkt in der Sanitätsstation jedoch ein anderer“, sagen die Ersthelfer. „Unsere Erfahrung und das ungewöhnliche Verhalten des Schülers liessen uns an eine tiefere, nicht sofort sichtbare medizinische Ursache denken. In dieser Zwischenzeit erschien ein Freund des Schülers und berichtete von einem ähnlichen Vorfall, der einige Wochen zuvor geschehen war. Nachdem wir endlich die Eltern erreichen konnten, wurde der Junge ins Kinderspital gebracht, wo er gründlich untersucht wurde. Die anschliessende genaue Untersuchung im Kinderspital bestätigte unsere Vermutungen und führte zur Diagnose des Panayiotopoulos-Syndroms, eine Form von untypischem epileptischem Anfall, der visuelle Halluzinationen, vorübergehende Blindheit, unkontrollierte Augenbewegungen, starren Blick sowie Übelkeit und Erbrechen umfassen kann.“


„Dieser Vorfall unterstreicht die Bedeutung, auf die Intuition und das Fachwissen des medizinischen Personals zu vertrauen, auch wenn vorläufige Tests keine klaren Antworten bieten. Es zeigt auch, wie wichtig es ist, eine umfassende Beurteilung durchzuführen und offenzubleiben für weniger bekannte medizinische Zustände, insbesondere bei Symptomen, die nicht in typische Muster passen.“ Gewinnerteam SVBS AWARD 2024

Eine eindeutige Entscheidung der Jury


Donat Hofer

Marcel Ruf

Michael Muther

Rüdi Hauri

Für die Jury des SVBS AWARD – bestehend aus vier Schulungsanbietern und drei ehemaligen Gewinnern des Awards – war diese Eingabe die beste. Einige Stimmen aus der Jury:

  • „Die Eingabe überzeugt auf mehreren Ebenen: Hohes Mass an klinischer Intuition trotz fehlender offensichtlicher Symptome – ein Paradebeispiel für „klinischen Blick“ und Verantwortung. Der Fall zeigt sehr gut die Bedeutung des nicht-technischen Urteilsvermögens in der Ersten Hilfe. Auch wenn es kein dramatischer Notfall mit sichtbaren Verletzungen war, war die Gefahr einer Fehldiagnose real – und wurde dank fachlicher Hartnäckigkeit und Teamarbeit abgewendet. Diese Eingabe verdient den 1. Platz, weil sie die professionelle Haltung und den Kern des Sanitätsdienstes verkörpert: Wahrnehmen, Ernstnehmen, Handeln.“
  • „Auf das Bauchgefühl zu hören, ist auch in der Medizin sehr wichtig. In der betrieblichen Ersten Hilfe wird viel Wert daraufgelegt, Wissen und Können zu vermitteln – und auch viel auswendig zu lernen. Das Intuitive kommt da eher zu kurz.“
  • „Das Vertrauen auf den eigenen Instinkt ist wichtig. Wir wissen alle, wer nur den Geräten vertraut, kann falsch liegen: ‘Wer misst, misst Mist!’“
  • „Dieser Einsatz zeigt auf, wie wichtig eine funktionierende Rettungskette ist. Ein Mitarbeiter ist aufmerksam und reagiert sehr gut. Die Schulsanität lässt trotz negativer Untersuchungsergebnisse des Rettungsdienstes nicht locker und vertraut auf die Intuition und das Bauchgefühl. Ebenfalls nehmen sie Informationen des Patienten ernst. So konnte möglicherweise Schlimmeres verhindert werden und vor allem kann der betroffene Schüler korrekt behandelt werden.“
  • „Ich habe diese Eingabe gewählt, da sie ein reales Ereignis beschreibt, bei dem eine medizinische Einschätzung abseits klarer Symptome erforderlich war. Der Fall verdeutlicht die Bedeutung von Intuition, Erfahrung und umfassender Beobachtung im sanitätsdienstlichen Kontext – insbesondere bei unspezifischen oder ungewöhnlichen Symptomen.“

Übrigens, die Gewinner wurden von der SanArena Rettungsschule ausgebildet.

 

Quelle: SVBS – Schweizerischer Verband für Betriebssanität
Bildquelle: SVBS / Jonas Weibel

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