Martina Hingis: Die Swiss Miss, die mit 16 die Tenniswelt eroberte
von belmedia Redaktion Allgemein Inspiration Karriere Magazine nachrichtenticker.ch News Sport sportaktuell.ch Tennis Themen Ⳇ Verbreitung
Mit 16 Jahren war sie bereits die Nummer 1 der Tenniswelt – jünger war vor und nach ihr niemand. Martina Hingis, die „Swiss Miss» aus dem St. Galler Rheintal, prägte das Damentennis der späten Neunzigerjahre wie kaum eine andere Spielerin.
Ihre Karriere ist eine Geschichte von aussergewöhnlich frühem Ruhm, taktischer Brillanz auf dem Platz – und einem Leben im Rampenlicht, das sie schon als Teenager bewältigen musste. Bis heute gilt Hingis als eine der cleversten Spielerinnen, die je einen Schläger in der Hand hatten.
Vom Wunderkind zur jüngsten Nummer 1
Martina Hingis kam am 30. September 1980 im slowakischen Košice zur Welt, damals Teil der Tschechoslowakei. Ihre Mutter Melanie Molitor, selbst Tennisspielerin, gab ihr den Schläger praktisch schon in die Wiege – benannt wurde sie nach Molitors grossem Vorbild Martina Navratilova. Bereits mit zwei Jahren stand Hingis erstmals auf dem Platz, mit vier bestritt sie ihr erstes Turnier. 1988 zog die Familie nach der Scheidung der Eltern in die Schweiz, ins st.gallische Trübbach – von dort aus begann eine Karriere, die Tennisgeschichte schreiben sollte.
Schon mit zwölf Jahren gewann Hingis einen Junioren-Grand-Slam-Titel und war damit die jüngste Spielerin, der dies je gelungen ist. Der Durchbruch bei den Profis liess nicht lange auf sich warten: Mit 16 Jahren gewann sie 1997 die Australian Open und wurde am 31. März desselben Jahres zur jüngsten Weltranglistenersten aller Zeiten – ein Rekord, der bis heute Bestand hat.
Der Rekordwinter 1997
Das Jahr 1997 bleibt das Ausnahmejahr ihrer Karriere. Nach dem Titel in Melbourne gewann Hingis mit 37 Siegen in Folge zu Saisonbeginn beinahe den Rekord von Navratilova, nur Steffi Graf hatte 1987 mit 45 Siegen noch mehr geschafft. In Wimbledon und in New York folgten weitere Grand-Slam-Titel. Einzig French Open blieb ihr 1997 verwehrt: Im Final unterlag sie überraschend der Aussenseiterin Iva Majoli, nachdem sie zuvor mit Arantxa Sánchez Vicario und Monica Seles zwei frühere Roland-Garros-Siegerinnen bezwungen hatte.
1998 und 1999 bestätigte Hingis ihre Ausnahmestellung: Insgesamt gewann sie fünf Grand-Slam-Titel im Einzel – dreimal die Australian Open sowie je einmal Wimbledon und die US Open. Dazu kamen dreizehn Grand-Slam-Titel im Doppel und sieben im Mixed. 1998 gelang ihr sogar, mit unterschiedlichen Partnerinnen sämtliche vier Grand-Slam-Turniere im Doppel zu gewinnen. Insgesamt stand sie 209 Wochen an der Spitze der Weltrangliste im Einzel.
Eine Spielerin, die mit dem Kopf spielte
Anders als viele Konkurrentinnen ihrer Generation setzte Hingis nie in erster Linie auf Kraft. Ihr Spiel lebte von Antizipation, Stellungsspiel und einer aussergewöhnlichen Fähigkeit, den Ball frühzeitig zu nehmen und Gegnerinnen aus dem Rhythmus zu bringen. Experten bezeichneten sie deshalb oft als „Schachspielerin auf dem Tennisplatz» – eine Spielerin, die Punkte bereits gedanklich vorbereitete, bevor der Ballwechsel überhaupt begonnen hatte. Gerade gegen kraftbetonte Spielerinnen wie Lindsay Davenport oder die jungen Williams-Schwestern, die in den späten Neunzigerjahren zunehmend das Damentennis dominierten, geriet dieser Spielstil jedoch irgendwann an seine Grenzen.
Kournikova, die „Spice Girls des Tennis» und ein bitterer French-Open-Final
Neben ihren sportlichen Erfolgen sorgte Hingis auch abseits des Platzes für Schlagzeilen. Zusammen mit Anna Kournikova, mit der sie 1999 auch das Doppel bei den Australian Open gewann, wurde sie in den Medien als eine der „Spice Girls des Tennis» gefeiert. Der Rummel um die junge Schweizerin war enorm, ihre Popularität reichte weit über den Tennissport hinaus.
Zu den bekanntesten und zugleich schwierigsten Momenten ihrer Karriere gehört der French-Open-Final 1999 gegen Steffi Graf. Hingis führte im Match, geriet dann jedoch zunehmend in einen emotionalen Ausnahmezustand, stritt sich mit dem Schiedsrichter, wechselte an der Seite spielend die Seiten und verlor am Ende in drei Sätzen. Die Szenen sorgten international für Aufsehen und zeigten, wie sehr der Druck auf der damals 18-Jährigen lastete.
Verletzungen, Rücktritt und ein zweites Leben im Doppel
Wiederkehrende Fussverletzungen zwangen Hingis 2003 zum ersten Rücktritt vom Profitennis. Nach mehreren Jahren Pause wagte sie 2006 ein Comeback im Einzel, das jedoch nach positiven Dopingtests bei den French Open 2007 endgültig endete – ein Vorwurf, den Hingis bis heute bestreitet. In der Dokumentation „SRF DOK: Martina Hingis» spricht sie offen über diese Zeit und darüber, dass sie bis heute nach Antworten sucht.
Ihre zweite Karriere machte sie dann als Doppelspezialistin: Mit wechselnden Partnerinnen, darunter Sania Mirza und Sabine Lisicki, feierte Hingis in den 2010er-Jahren weitere Grand-Slam-Titel im Doppel und Mixed. 2013 wurde sie in die International Tennis Hall of Fame aufgenommen. Einen letzten grossen Höhepunkt setzte sie im September 2017: An der Seite von Yung-Jan Chan aus Taiwan gewann sie den Doppeltitel der US Open gegen Lucie Hradecka und Katerina Siniakova – kurz darauf erklärte Hingis ihren endgültigen Rücktritt vom Profisport.
Video-Tipp: Die ehemalige Tennis-Queen ganz persönlich
Im Porträt blickt Martina Hingis persönlich auf ihre aussergewöhnliche Karriere zurück – von der jüngsten Weltnummer 1 aller Zeiten bis zu ihrem frühen Rücktritt.
Ein Vermächtnis, das bis heute nachwirkt
Auch nach ihrer aktiven Karriere ist Martina Hingis eine der prägendsten Figuren des Schweizer Sports. Ihr Spielwitz, ihr taktisches Verständnis und ihr früher Aufstieg machen sie bis heute zu einer Referenz, wenn über junge Ausnahmetalente gesprochen wird – sei es bei Belinda Bencic oder anderen Nachwuchsspielerinnen. Privat lebt Hingis heute zurückgezogener: Seit 2018 ist sie mit dem Sportarzt Harald Leemann verheiratet, seit 2019 ist sie Mutter einer Tochter.
Dass Hingis in der Schweiz nie ganz jene Anerkennung erfuhr, die ihr international entgegengebracht wurde, hat sie selbst mehrfach thematisiert. In einer Doku sagte sie einmal sinngemäss, sie suche bis heute nach echter Anerkennung im eigenen Land – ein Satz, der viel über das komplizierte Verhältnis zwischen der Öffentlichkeit und einer Ausnahmesportlerin aussagt, die schon als Teenager im Rampenlicht stand.
Umso mehr lohnt sich der Blick zurück auf eine Karriere, die in ihrer Kombination aus frühem Erfolg, öffentlichem Druck, Rückschlägen und einer zweiten Blüte im Doppel ihresgleichen sucht. Für Fans, die sich für Schweizer Tennisgeschichte interessieren, bleibt Martina Hingis damit eine Figur, an der sich kaum jemand vorbeidenken kann – lange bevor Federer, Wawrinka oder Bencic die Schweizer Fahne auf der grossen Tennisbühne hochhielten.
Bildquellen: Bild 1: Symbolbild © Galina Barskaya/Shutterstock.com; Bild 2: Symbolbild © Phil Anthony/Shutterstock.com; Bild 3: Symbolbild © lev radin/Shutterstock.com