0,75 PS veränderten die Welt – der erste Automotor

0,75 PS, ein einziger Zylinder und gerade einmal 954 Kubikzentimeter Hubraum: Was heute bescheiden klingt, legte vor 140 Jahren einen Grundstein für die moderne Automobilgeschichte. Carl Benz entwickelte für seinen Patent-Motorwagen einen kompakten Viertakt-Benzinmotor, der nicht einfach in eine bestehende Kutsche eingebaut wurde. Fahrzeug und Antrieb entstanden vielmehr als gemeinsames technisches Konzept.

Der Benz Patent-Motorwagen wurde 1885 fertiggestellt, am 29. Januar 1886 meldete Benz sein «Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb» zum Patent an. Der liegend im Heck montierte Einzylinder leistete 0,55 kW beziehungsweise 0,75 PS bei rund 400 Umdrehungen pro Minute. Für heutige Verhältnisse beinahe unvorstellbar wenig – doch mit diesem Motor erreichte der dreirädrige Wagen rund 16 km/h.

Dabei war der Benz-Motor nicht der erste Verbrennungsmotor überhaupt und auch motorisierte Strassenfahrzeuge hatte es zuvor bereits gegeben. Seine historische Bedeutung liegt in der Verbindung: Benz konstruierte einen leichten Verbrennungsmotor und ein speziell dafür entwickeltes Fahrgestell als Einheit. Genau deshalb gilt der Patent-Motorwagen von 1886 weithin als erstes modernes Automobil.

Ein Zylinder musste genügen

Das Herz des Patent-Motorwagens war ein wassergekühlter Einzylinder-Viertaktmotor mit 954 Kubikzentimetern Hubraum.

Der Zylinder lag horizontal im Heck. Ein grosses Schwungrad sorgte dafür, dass der Motor zwischen den einzelnen Arbeitstakten möglichst gleichmässig lief. Bei einem Einzylinder ist das besonders wichtig, weil nur während eines Teils des Arbeitszyklus tatsächlich Kraft erzeugt wird.

Benz entschied sich bewusst für eine liegende Anordnung. Der Motor musste möglichst tief und kompakt in das leichte Fahrzeug integriert werden.

Mit seinen 0,75 PS wirkt das Aggregat aus heutiger Sicht winzig. Entscheidend war jedoch nicht die absolute Leistung, sondern das Verhältnis zwischen Gewicht und verfügbarer Kraft. Benz wollte keinen schweren stationären Gasmotor auf Räder stellen, sondern einen möglichst leichten Antrieb für ein eigenständiges Fahrzeug entwickeln.

Zündung und Kühlung waren bereits erstaunlich modern

Mehrere technische Grundprinzipien des Motors finden sich in weiterentwickelter Form bis heute.

Die Zündung erfolgte elektrisch über eine Hochspannungs-Summerzündung und eine Zündkerze. Das Gemisch gelangte über einen automatischen Einlassschieber in den Zylinder, während das Auslassventil mechanisch gesteuert wurde.

Auch eine Wasserkühlung war vorhanden. Benz verwendete eine Verdampfungskühlung mit Thermosiphon-Prinzip.

Natürlich war dieses System weit von einem heutigen geschlossenen Kühlkreislauf mit Wasserpumpe, Thermostat, Kühlerlüfter und elektronischer Temperaturüberwachung entfernt. Für die geringe Motorleistung funktionierte die einfache Lösung jedoch.

Warum der Motor hinten eingebaut wurde

Der Patent-Motorwagen unterschied sich grundlegend von vielen frühen Versuchen anderer Entwickler.

Statt eine vorhandene Pferdekutsche nachträglich zu motorisieren, entwickelte Benz das Fahrzeug um den Antrieb herum.

Motor, Rahmen, Kraftübertragung und Fahrwerk mussten deshalb zusammenpassen.

Der Einzylinder sass hinten über der angetriebenen Achse. Die Kraft wurde zunächst über einen Riemen und anschliessend über Ketten zu den beiden Hinterrädern übertragen. Ein Differential erlaubte den Rädern bei Kurvenfahrt unterschiedliche Drehzahlen.

Das einzelne Vorderrad übernahm die Lenkung.

Warum hatte das erste Auto nur drei Räder?

Das Dreirad war keine reine Designentscheidung.

Eine funktionierende Lenkung für ein vierrädriges, selbstfahrendes Fahrzeug stellte die Ingenieure damals vor erhebliche Probleme. Die von Kutschen bekannte Drehschemellenkung eignete sich für Benz‘ leichtes Fahrzeugkonzept nicht besonders gut.

Mit einem einzelnen lenkbaren Vorderrad konnte er dieses Problem zunächst umgehen.

Erst einige Jahre später entwickelte Benz eine geeignete Achsschenkellenkung für vierrädrige Automobile weiter und meldete entsprechende Konstruktionen zum Patent an.

Damit zeigt sich ein Prinzip, das die Automobilentwicklung bis heute prägt: Eine neue Technik löst ein Problem und schafft gleichzeitig die Grundlage für die nächste Entwicklungsstufe.

Gestartet wurde noch von Hand

Von einem modernen Startknopf war der Patent-Motorwagen selbstverständlich weit entfernt.

Der Motor musste über das grosse Schwungrad von Hand in Bewegung gesetzt werden. Auch Gemischaufbereitung, Schmierung und Kühlung verlangten wesentlich mehr Aufmerksamkeit als bei einem modernen Auto.

Elektronische Motorsteuerung, Einspritzung, Lambdaregelung oder automatische Kaltstartprogramme existierten nicht.

Der Fahrer musste seine Maschine verstehen.

Genau diese vollständig sichtbare Mechanik macht frühe Automobile heute besonders faszinierend. Wer ein historisches Fahrzeug erhält, muss allerdings auch berücksichtigen, dass alte Technik andere Anforderungen an Pflege und Lagerung stellt. Unser Beitrag zum richtigen Einlagern und Kontrollieren von Oldtimern zeigt, worauf bei historischen Fahrzeugen besonders zu achten ist.

16 km/h waren damals eine Sensation

Mit einer Höchstgeschwindigkeit von ungefähr 16 km/h würde der Patent-Motorwagen heute selbst im Stadtverkehr zum Hindernis.

1886 sah die Welt jedoch völlig anders aus.

Strassen waren für Pferde, Fuhrwerke und Fussgänger ausgelegt. Ein Fahrzeug, das sich aus eigener Kraft ohne Pferd fortbewegte, war eine technische Sensation.

Der erste öffentliche Auftritt des Patent-Motorwagens erfolgte am 3. Juli 1886 in Mannheim.

Doch die Alltagstauglichkeit des neuen Verkehrsmittels musste erst noch bewiesen werden.

Bertha Benz machte aus der Erfindung ein Verkehrsmittel

Eine entscheidende Rolle spielte Bertha Benz.

Im August 1888 fuhr sie mit ihren Söhnen Eugen und Richard mit einem weiterentwickelten Patent-Motorwagen von Mannheim nach Pforzheim.

Hin und zurück legten sie rund 180 Kilometer zurück.

Die Fahrt gilt als erste automobile Fernfahrt der Geschichte und zeigte, dass das Automobil nicht bloss ein technisches Experiment war.

Unterwegs mussten Probleme improvisiert gelöst werden. Gleichzeitig lieferte die Reise wertvolle Erkenntnisse für weitere Verbesserungen des Fahrzeugs.

Damit wurde aus einer Erfindung zunehmend ein praktisch nutzbares Verkehrsmittel.

Vom Einzylinder zu mehreren hundert PS

Zwischen dem Benz-Motor von 1885 und heutigen Verbrennungsmotoren liegen Welten.

Aus einem Zylinder wurden vier, sechs, acht oder noch mehr. Mechanische Gemischaufbereitung wich elektronisch geregelter Einspritzung, einfache Ventilsteuerungen entwickelten sich zu variablen Systemen und Turbolader ermöglichten Leistungen, die Benz kaum hätte vorhersehen können.

Trotzdem lassen sich einige Grundprinzipien wiedererkennen.

Luft und Kraftstoff gelangen in den Zylinder, werden verdichtet und gezündet. Die Verbrennung bewegt einen Kolben, dessen lineare Bewegung über Pleuel und Kurbelwelle in Rotation umgewandelt wird.

Genau dieses Prinzip trieb mehr als ein Jahrhundert lang den Grossteil der Automobile an.

Warum gerade dieser Motor Geschichte schrieb

Der entscheidende Punkt ist deshalb nicht, dass Carl Benz als erster Mensch einen Verbrennungsmotor gebaut hätte.

Bereits zuvor hatten Nikolaus Otto, Étienne Lenoir und andere Entwickler wesentliche Grundlagen des Verbrennungsmotors geschaffen. Auch Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach arbeiteten parallel an besonders leichten und schnelllaufenden Motoren.

Benz verband jedoch Motor, Fahrgestell, Kraftübertragung und Lenkung zu einem eigenständigen Automobilkonzept.

Sein Patent vom 29. Januar 1886 trägt die Nummer 37435 und wird deshalb häufig als Geburtsurkunde des Automobils bezeichnet.

Aus 0,75 PS entwickelte sich eine Industrie, die Mobilität, Städte, Arbeitswelt und Gesellschaft grundlegend veränderte.

🔧 DER ERSTE AUTOMOTOR IN ZAHLEN

  • Motor: Einzylinder-Viertakt-Benzinmotor mit 954 Kubikzentimetern Hubraum.
  • Leistung: 0,55 kW beziehungsweise 0,75 PS bei rund 400 Umdrehungen pro Minute.
  • Höchstgeschwindigkeit des Patent-Motorwagens: rund 16 km/h.
  • Patentanmeldung: 29. Januar 1886 unter der Nummer DRP 37435.

 

Quelle: belmedia-Redaktion
Bildquelle: Symbolbild – Titelbild – KI-generiert