Architektonisches Highlight in Friesland, NL: Appartementen-Bauernhof mit Weitblick
von belmedia Redaktion Allgemein architektenwelt.com Architektur Baustelle Innenarchitektur Innovation & Technik Inspiration Landschaftsarchitektur Materiale & Produkte Nachhaltigkeit News
Ein ungewöhnlicher Bauernhof in Friesland verbindet moderne Architektur mit kulturellem Anspruch, ökologischer Bauweise und Gemeinschaftsdenken. Das Projekt „Lânskip“ ist mehr als ein Ort zum Wohnen – es ist ein landschaftliches Statement.
Zwischen Workum und Hindeloopen steht ein Wohnhaus, das aussieht wie ein Hof von früher – doch alles daran ist neu. Die Idee: Tradition sichtbar machen, Raum schaffen für Ruhe, Kreativität und gemeinsames Leben. Das Ergebnis ist ein Wohnkonzept mit kulturellem Ursprung, technischem Weitblick und hohem architektonischen Anspruch.
1. Architektur und Ursprungsidee
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Der Lânskip-Hof entstand aus einer künstlerischen Vision. 2002 gründeten Theaterprofis Pieter Stellingwerf und Kees Botman in Leeuwarden das Theaterkollektiv BUOG – „Bedenkers en Uitvinders van Ongewone Gebeurtenissen“ („Erfinder und Gestalter ungewöhnlicher Ereignisse“). Zehn Jahre später entstand aus einem Bühnenbild-Konzept die Idee für ein echtes Gebäude: ein modernes Landschiff mit Weitblick über den Deich der ehemaligen Südsee, seit fast hundert Jahren IJsselmeer genannt und von Salzwasser auf Süsswasser umgewandelt.
2012 fand Pieter Stellingwerf in Friesland einen alten Bauernhof, den er als formales Vorbild für den Neubau verwendete. Gemeinsam mit dem Architekten Rein Hofstra entstand daraus ein Konzept, das das Volumen, die Dachneigungen und sogar einzelne Baumaterialien der alten Struktur übernahm – aber technisch und ökologisch völlig neu dachte.
Die Gemeinde unterstützte das Vorhaben von Anfang an. Trotzdem dauerte es 5,5 Jahre, bis alle Genehmigungen und Auflagen erfüllt waren. Der Architekt bezeichnete es als „fantastisches Projekt – aber nur einmal im Leben“. Denn das Niveau an Detailliebe, Anpassung und Zulassung war enorm.
2. Bauweise und gestalterische Details
Die architektonische Sprache folgt dem ländlichen Vorbild, doch jedes Element wurde überarbeitet: Die Tragstruktur besteht aus Stahl, die Böden aus Sichtbeton. Fassaden und Mauern nutzen regionale Friesen-Klinker. Die Rahmen der Fenster und Türen bestehen aus Aluminium. Das Dach ist flach geneigt und mit weissem Bitumen gedeckt.
Besonders eindrücklich: Die alten Dachziegel wurden als Hommage an das Ursprungsgebäude erhalten. Allerdings mussten diese notgedrungen fest verschraubt werden. Auch Holzwände, Holzbalken, Schränke und andere Möbelstücke aus der alten Boerderij fanden ihren Weg in das neue Haus. Ziel war es, das alte Bild 1:1 zu übersetzen – aber mit moderner Funktion und Energieeffizienz.
Für wer sich fragt, wie so ein 20’000 kg schweres Gebäude aufrecht stehen bleibt auf so einem schmalen Stückchen Dach: Neben den 28 Pfählen, worauf das Haus ruht und die 11 m tief im Boden stecken, liegt das Geheimnis im Eingangstreppenhaus: An der Aussenseite sorgt es mit dafür, dass das Landschiff nicht beim ersten Sturm schon unter Wasser verschwindet.
3. Wohnkonzept und Raumstruktur
Das Appartement im ersten Obergeschoss bietet auf 124 m² Wohnfläche ein durchdachtes Raumkonzept: zwei Schlafzimmer, ein Badezimmer, ein separates WC sowie eine offen gestaltete Wohnküche mit direktem Anschluss an den Essbereich. Sichtbetonböden, präzise gearbeitete Einbauten und grosszügige Fensterflächen prägen das Erscheinungsbild – reduziert, klar und lichtdurchflutet.
Die Küche ist mit einer strapazierfähigen Arbeitsfläche aus Mortex, einem fugenlosen, wasserresistenten Spezialputz mit Betonoptik, ausgestattet. Das Kochfeld stammt von Bora – dank integriertem Dunstabzug wird der beim Kochen entstehende Wrasen (eine Mischung aus Dampf, Fett und Geruch) direkt am Herd abgesaugt. Das macht eine herkömmliche Abzugshaube überflüssig und sorgt für klare Raumluft. Ergänzt wird die Ausstattung durch einen Backofen, Geschirrspüler sowie eine Kühl-Gefrier-Kombination. Im Aussenbereich erweitert eine grosse Südterrasse mit angrenzender Grünfläche den Wohnraum ins Freie.
Im Untergeschoss befindet sich neben dem Gemeinschaftswaschraum ein Technikraum mit moderner Wärmepumpe und einer Anlage zur Wärmerückgewinnung (WRG). Letztere nutzt die Wärme der Abluft, um frische Zuluft vorzuwärmen – eine effiziente Lösung für ein angenehmes Raumklima bei gleichzeitig geringem Energieverbrauch. Für jedes Appartement steht zudem eine private Abstellkammer mit rund 6 m² Nutzfläche zur Verfügung.
4. Energiekonzept und Nachhaltigkeit
Lânskip ist vollständig gasfrei. Eine Nibe-Wärmepumpe mit Erdwärmekollektor sorgt für Heizen und Kühlen via Flächenheizung. Auf dem Dach sind 85 Solarpaneele installiert, die gemeinschaftlich betrieben werden. Die Energie wird anteilig über die VVE (Eigentümergemeinschaft) verteilt. Der Verbrauch liegt bei rund 4’500 kWh pro Appartement pro Jahr.
Triple-Verglasung, hochwirksame Dämmung und ein Gesamtstandard auf A++++-Niveau sichern höchste Energieeffizienz. Die Abwasserentsorgung erfolgt autark über eine Bodenfilteranlage – ohne Anschluss an die Kanalisation.
5. Gemeinschaft, Kultur und Planungsidee
Das Haus war nicht nur als Wohnort gedacht, sondern als kleine Lebensgemeinschaft. Die ursprüngliche Idee von Pieter und Ria Stellingwerf: drei Wohnungen, ein grosser gemeinsamer Raum für gemeinsames Essen, Kulturveranstaltungen in grösserem Stil, ein Permakulturgarten – ein „Leben im kleinen Massstab“.
Diese Idee spiegelt sich in der Raumaufteilung: Neben den Privatbereichen gibt es eine Nachbarschaftsküche („buurtkamer“), offene Gartenbereiche und Treffpunkte im Innenhof. Die gestalterische Nähe zum Theater lebt im Denken weiter – auch wenn der Alltagsbetrieb heute ruhiger ist.
6. Eigentumsverhältnisse und Betrieb
Die Appartemente sind Teil der VVE „Lânskip“. Der Betrieb ist nachhaltig organisiert – alle Wohneinheiten profitieren vom gemeinsamen Energiekonzept. Die Verwaltung muss formell noch aktiviert werden, eine Zwangsvertretung ist beim Wiederverkauf vorgesehen. Die Betriebskosten werden nach einem Schlüssel von 125 zu 521/2 geteilt.
7. Marktposition und Wertentwicklung
Die mittlere Etage wurde in 2023 angeboten für einen Verkaufpreis von ca. 420’000 €. Damit liegt das Appartement unter vergleichbaren Objekten in der Region Workum. Dort bewegen sich Werte aktuell zwischen 450’000 und 500’000 €, was ein Preiswachstum von rund 6 % innerhalb von 12 Monaten bedeutet.
Die kadastrale Grundstücksgrösse (inkl. Gartenanteil) liegt über 1’800 m². Die Nachfrage nach energieeffizienten, ländlich gelegenen Immobilien mit kulturellem Hintergrund steigt – nicht nur wegen der Energiepreise, sondern auch durch den Wunsch nach Lebensqualität und Ruhe.
Fazit: Visionäres Wohnen mit Sinn und Substanz
Das Landschiff Lânskip ist mehr als ein Haus. Es ist eine Vision, die Architektur, Energie, Kultur und Landschaft vereint. Entstanden aus einer Theateridee, gebaut mit Respekt vor dem Alten und Blick in die Zukunft. Für Menschen, die mehr suchen als vier Wände – sondern einen Lebensort mit Geschichte, Gemeinschaft und Nachhaltigkeit.
Zum Glück haben die Initiativnehmer sich umentschieden, als sie zuerst das Haus zu einer kommerziellen touristischen Attraktion machen wollten. Jetzt haben sie den Beweis geliefert, dass man in einem gut durchdachten Kopfuntenhaus prima wohnen kann.
Quelle: architektenwelt.com-Redaktion
Bildquellen: Bild 1: Print-Screen aus Google Maps; Übrige: Print-Screens aus https://www.youtube.com/watch?v=lyD9X-axAsc; https://www.facebook.com/watch/?v=105440705886622; https://www.youtube.com/watch?v=jvgw-RQW00w