Frauentag der Gesundheit: Folsäure schützt das Kind – bevor die Schwangerschaft beginnt
von belmedia Redaktion Allgemein Alltag Eltern elterntipps.ch Ernährung Familie Familienleben Forschung Geburt Gesundheit Krankheiten Magazine Medizin nachrichtenticker.ch News Prävention Sicherheit Themen Tipps Vital xund24.ch Ⳇ Verbreitung
Der Internationale Tag der Frauengesundheit am 28. Mai macht jedes Jahr auf gesundheitliche Bedürfnisse und Herausforderungen von Frauen aufmerksam. Ein oft unterschätzter Bereich ist dabei die Folatversorgung ab Kinderwunsch. Sie trägt wesentlich zur gesunden Entwicklung des Kindes in der frühen Schwangerschaft bei. Aus diesem Anlass sprechen Privatdozentin Dr. Anke Rissmann, Sprecherin des Arbeitskreises Folsäure & Gesundheit, Kinderärztin sowie Leiterin des deutschlandweit einzigen Fehlbildungsmonitorings in Sachsen-Anhalt, und der niedergelassene Gynäkologe Dr. Frank Thieme, stellvertretender Sprecher des Arbeitskreises sowie stellvertretender Vorsitzender des Berufsverbands der Frauenärztinnen und Frauenärzte (BVF), über den aktuellen Stand der Folatversorgung in Deutschland, vermeidbare Risiken wie Neuralrohrdefekte und weshalb Prävention bereits vor der Schwangerschaft beginnen muss.
Die Supplementierung von Folsäure vor und während der Schwangerschaft wird seit Jahrzehnten empfohlen – unter anderem, um das Risiko für Neuralrohrdefekte wie Spina bifida (auch „offener Rücken“ genannt) zu senken. Dennoch entstehen weiterhin Fälle, die vermeidbar wären. Woran scheitert es aus Ihrer Sicht?
PD Dr. Anke Rissmann: Obwohl es seit vielen Jahren klare Empfehlungen gibt, bestehen weiterhin Hürden. Ein zentrales Problem ist die fehlende Aufklärung vor der Schwangerschaft. Viele Frauen wissen, dass Folsäure wichtig ist, aber nicht, dass sie bereits vor Eintritt einer Schwangerschaft eingenommen werden sollte. Hinzu kommt, dass die Supplementation häufig nicht täglich erfolgt und damit die notwendigen Folatspiegel gar nicht erreicht werden. Auch strukturelle Faktoren spielen eine Rolle, etwa wenn Schwangerschaften spontan entstehen oder ärztliche Beratung im Vorfeld nicht stattfindet.
Dr. Frank Thieme: Der genannte hohe Anteil ungeplanter Schwangerschaften spielt eine wichtige Rolle. In diesen Fällen findet eine präkonzeptionelle Beratung oft gar nicht statt. Aber auch bei geplanten Schwangerschaften wird die Empfehlung nicht immer konsequent umgesetzt, etwa aufgrund unterschiedlicher Gesundheitskompetenz oder Lebensumstände. Ein Blick ins Ausland zeigt zudem, dass strukturelle Massnahmen einen Unterschied machen können: Länder mit einer verpflichtenden Anreicherung von Grundnahrungsmitteln mit Folsäure verzeichnen deutlich niedrigere Raten an Neuralrohrdefekten. In Deutschland wird dieser Ansatz bislang nicht verfolgt.
Wie stellt sich die aktuelle Situation bei Neuralrohrdefekten in Deutschland dar – und warum ist das Thema gerade im Kontext der Frauengesundheit so bedeutsam? Und welches Potenzial steckt in einer frühzeitigen und konsequenten Folsäuresupplementierung gemäss den Empfehlungen?
PD Dr. Anke Rissmann: Neuralrohrdefekte gehören zu den schwersten angeborenen Fehlbildungen des zentralen Nervensystems. Sie können zu schweren Behinderungen oder sogar zum Tod führen. Die Daten aus dem Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalt zeigen seit Jahren eine nahezu unveränderte Häufigkeit von etwa 1 Fall pro 1.000 Schwangerschaften. Jährlich sind in Deutschland mehrere hundert Kinder betroffen, hinzu kommen Schwangerschaftsabbrüche nach pränataler Diagnose. Gleichzeitig ist das Präventionspotenzial enorm: Eine konsequente Einnahme von 400 Mikrogramm Folsäure bereits 4 Wochen vor der Schwangerschaft kann das Risiko um bis zu 70 Prozent senken.
Neuralrohrdefekte entstehen sehr früh in der Schwangerschaft. Welche Konsequenzen hat dieser frühe Zeitpunkt für die Prävention – und warum ist eine gute Folatversorgung, auf Basis einer folatreichen Ernährung plus frühzeitiger Supplementierung, bereits vor der Schwangerschaft so entscheidend?
PD Dr. Anke Rissmann: Das Neuralrohr schliesst sich sehr früh, am 28. Tag der Schwangerschaft, da hat die Frau die Schwangerschaft oft überhaupt noch nicht bemerkt. Deshalb muss die ausreichende Folatversorgung bereits vor der Befruchtung gesichert sein. Eine folatreiche Ernährung, unter anderem mit grünem Blattgemüse, Hülsenfrüchten und Jodsalz mit Folsäure, reicht dafür meist nicht aus, da die Bioverfügbarkeit von natürlichem Folat deutlich geringer ist als von Folsäure. Die Folsäure-Supplementierung wirkt hier wie ein Sicherheitsnetz und stellt eine stabile und ausreichende Versorgung sicher.
Viele Frauen haben schon von Folsäure gehört – dennoch beginnen viele erst mit der Einnahme, wenn sie bereits schwanger sind. Wie erleben Sie dieses Thema im Praxisalltag?
Dr. Frank Thieme: Das Wissen über Folsäure ist grundsätzlich vorhanden. Dennoch sehen wir, dass viele Frauen erst mit der Einnahme beginnen, wenn sie bereits schwanger sind. Ein wesentlicher Grund sind ungeplante Schwangerschaften, aber auch Unterschiede in Gesundheitskompetenz und im eigenen Informationsverhalten spielen eine Rolle. Im Praxisalltag stellt sich oft die Frage, wann das Thema angesprochen werden sollte. Idealerweise immer dann, wenn Frauen im gebärfähigen Alter sind und nicht erst, wenn ein konkreter Kinderwunsch geäussert wird.
Sind die aktuellen Empfehlungen zur Folsäure-Supplementierung aus Ihrer Sicht klar genug – oder braucht Prävention einfachere, eingängigere Botschaften, die bei den Frauen besser hängen bleiben?
PD Dr. Anke Rissmann: Die offiziellen Leitlinien der medizinischen Fachgesellschaften wie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung sind inhaltlich präzise: 400 µg Folsäure täglich, beginnend 4 Wochen vor der geplanten Schwangerschaft, bis zum Ende der 12. Schwangerschaftswoche. Das Problem liegt weniger im Inhalt als in der Verständlichkeit. Viele Frauen erkennen nicht, warum der frühe Beginn so wichtig ist. Prägnante Botschaften könnten helfen, das besser zu vermitteln, so wie „Pille ab, Folsäure an“.
Dr. Frank Thieme: Viele präventive Massnahmen scheitern nicht am Wissen, sondern daran, dass sie im entscheidenden Moment nicht präsent sind. Eine Botschaft wie „Folsäure wirkt, bevor du schwanger bist“ kann hier deutlich verhaltenswirksamer sein.
In der repräsentativen Umfrage des Arbeitskreises Folsäure & Gesundheit in Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsinstitut YouGov gaben nur 5 Prozent der befragten Frauen an, dass die Kosten der Supplemente für sie eine Rolle spielen. Welche Faktoren sind aus Ihrer Sicht entscheidender für eine gute Adhärenz?
Dr. Frank Thieme: Das deckt sich mit den Erfahrungen im Praxisalltag. Entscheidend sind vielmehr Faktoren wie der richtige Zeitpunkt, das Verständnis für die Bedeutung der Einnahme und die Integration in den Alltag. Auch die Qualität der ärztlichen Kommunikation spielt eine wichtige Rolle. Kurz gesagt: Nicht der Preis ist das Problem, sondern Timing und Umsetzung.
Wenn Sie zum Internationalen Tag der Frauengesundheit eine zentrale Botschaft formulieren müssten – wie würde sie lauten?
PD Dr. Anke Rissmann: Prävention beginnt nicht erst mit der Schwangerschaft, sondern mit der Gesundheit jeder Frau im gebärfähigen Alter. Folsäure ist kein „nice-to-have“, sondern eine grundlegende Voraussetzung für die gesunde Entwicklung des ungeborenen Kindes.
Dr. Frank Thieme: Folsäure schützt das Kind, bevor eine Schwangerschaft überhaupt bemerkt wird. Deshalb gilt: Bei Kinderwunsch jetzt beginnen – nicht erst später.
Quelle: Arbeitskreis Folsäure & Gesundheit
Bildquellen: Bild 1: Arbeitskreis Folsäure & Gesundheit; Bild 2: Symbolbild © LightField Studios/Shutterstock.com; Bild 3: Symbolbild © Prostock-studio/Shutterstock.com