ADHS bei Erwachsenen: Symptome, Diagnose, Forschung – Auswirkungen auf Alltag und Beruf
von belmedia Redaktion #Schweizweit Allgemein Alltag business24.ch businessaktuell.ch Forschung Gesundheit Magazine Medizin nachrichtenticker.ch News Regionen Schweiz Themen xund24.ch Ⳇ Verbreitung
Termine vergessen, Aufgaben aufschieben, ständig zwischen Gedanken springen oder sich bei Routinearbeiten kaum konzentrieren können: Seit ADHS in sozialen Medien und Podcasts häufiger thematisiert wird, erkennen sich viele Erwachsene in solchen Beschreibungen wieder. Das kann ein sinnvoller Anlass sein, die eigenen Schwierigkeiten genauer anzuschauen.
Es bedeutet jedoch noch lange nicht, dass tatsächlich eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung vorliegt. Konzentrationsprobleme gehören zu zahlreichen psychischen und körperlichen Belastungen und können ebenso durch Schlafmangel, Depressionen, Angst, chronischen Stress, Substanzen oder andere Erkrankungen entstehen.
ADHS selbst ist allerdings keine neue Erfindung und wissenschaftlich deutlich besser belegt, als manche Debatte über eine vermeintliche „Modediagnose“ vermuten lässt. Forschung aus Genetik, Entwicklungspsychiatrie, Epidemiologie und Langzeitbeobachtungen zeigt, dass ADHS eine neuroentwicklungsbedingte Störung ist, die bis ins Erwachsenenalter fortbestehen kann. Gleichzeitig gibt es berechtigte Fragen zur Qualität einzelner Diagnosen, zu Selbsttests im Internet und zur zunehmenden Nachfrage nach Abklärungen. Eine sorgfältige Einordnung muss deshalb zwei Dinge gleichzeitig zulassen: ADHS kann lange übersehen werden – und eine vorschnelle Diagnose kann ebenfalls falsch sein.
Was ADHS bei Erwachsenen eigentlich bedeutet
ADHS gehört zu den neuroentwicklungsbedingten Störungen. Im Mittelpunkt stehen anhaltende Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität und Impulsivität. Entscheidend ist dabei das Wort „anhaltend“. Jeder Mensch ist gelegentlich unkonzentriert, vergisst einen Termin, schiebt eine unangenehme Aufgabe auf oder lässt sich vom Smartphone ablenken. Für eine ADHS-Diagnose müssen die Auffälligkeiten jedoch ein Muster bilden, das bereits in der Entwicklungszeit begonnen hat und das Leben in relevanten Bereichen beeinträchtigt.
Bei Erwachsenen zeigt sich Hyperaktivität zudem nicht zwingend durch sichtbares Herumlaufen oder ausgeprägtes Zappeln. Manche Betroffene beschreiben eher innere Unruhe, ein starkes Bedürfnis nach Aktivität oder Schwierigkeiten, längere ruhige Situationen auszuhalten. Andere haben überwiegend Probleme mit Aufmerksamkeit, Organisation, Zeitmanagement und dem Abschluss von Aufgaben.
Beruf, Ausbildung, Partnerschaft, Finanzen und alltägliche Verpflichtungen können dadurch beeinträchtigt werden. Manche Menschen kompensieren ihre Schwierigkeiten über Jahre durch enorme Anstrengung, feste Routinen oder die Hilfe anderer. Eine gute schulische Laufbahn oder beruflicher Erfolg schliessen ADHS deshalb nicht grundsätzlich aus. Gleichzeitig gilt aber auch: Erfolg unter Stress ist kein Beweis für ADHS.
ADHS ist keine „Modekrankheit“
Die Frage nach einer Modediagnose ist nachvollziehbar, weil das Thema innerhalb kurzer Zeit sehr sichtbar geworden ist. Wissenschaftlich wäre es jedoch falsch, daraus zu schliessen, die Störung selbst sei erst durch TikTok, Instagram oder populäre Podcasts entstanden. ADHS wird seit Jahrzehnten erforscht. Internationale Fachliteratur zeigt eine erhebliche genetische Beteiligung, Zusammenhänge mit verschiedenen Entwicklungs- und Umweltfaktoren sowie Unterschiede auf Gruppenebene in bestimmten neurobiologischen Merkmalen.
Diese Erkenntnisse bedeuten allerdings nicht, dass sich ADHS mit einem Gentest oder einem Gehirnscan bei einer einzelnen Person nachweisen lässt. Genau dieser Unterschied ist wichtig: Wissenschaft kann statistische Unterschiede zwischen grossen Gruppen feststellen, ohne daraus einen zuverlässigen individuellen Diagnosetest ableiten zu können.
Die Schweizer Fachorganisationen für Psychiatrie warnen deshalb vor der Vorstellung, ADHS liesse sich durch einen einzelnen Biomarker bestätigen. Bluttests, EEG, Bildgebung oder andere biologische Verfahren können eine fachgerechte klinische Diagnostik derzeit nicht ersetzen.
Warum werden heute trotzdem viel mehr Erwachsene abgeklärt?
Die Nachfrage nach ADHS-Abklärungen ist in vielen Ländern stark gestiegen. Das ist unbestritten. Weniger eindeutig ist die Interpretation. Eine 2025 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit untersuchte neuere Studien zur Häufigkeit von ADHS und zur gestiegenen Nachfrage nach Versorgung. Die hochwertigsten ausgewerteten Daten sprachen nicht dafür, dass die tatsächliche Prävalenz seit 2020 entsprechend stark angestiegen wäre.
Das spricht dafür, zwischen der Häufigkeit einer Störung und der Zahl der diagnostizierten Fälle zu unterscheiden. Mehr Diagnosen können entstehen, weil Erwachsene heute eher Hilfe suchen, Fachpersonen ADHS besser erkennen, Stigmatisierung abnimmt und Gruppen erreicht werden, die früher häufig durchs Raster fielen.
Dazu gehören beispielsweise Frauen. Eine systematische Übersicht zur ADHS-Diagnostik bei erwachsenen Frauen beschreibt Hinweise darauf, dass Mädchen und Frauen insbesondere bei weniger auffälligen Symptommustern lange übersehen werden können. Ein Teil erhält deshalb erst im Erwachsenenalter eine Erklärung für über Jahre bestehende Schwierigkeiten.
Auch Schweizer Fachkliniken beobachten das Thema. Die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel berichteten 2026 ausdrücklich darüber, weshalb ADHS insbesondere bei Frauen zum Teil erst spät erkannt wird. Gleichzeitig weisen spezialisierte Stellen auf Wartezeiten für Erwachsenenabklärungen hin.
Mehr Diagnosen bedeuten weder automatisch Überdiagnose noch automatisch bessere Diagnostik
Die Debatte wird schnell polarisiert. Auf der einen Seite steht die Behauptung, ADHS werde heute jedem Menschen diagnostiziert, der sich schlecht konzentrieren könne. Auf der anderen Seite entsteht mitunter der Eindruck, beinahe jede Form von Aufschieben, innerer Unruhe oder Vergesslichkeit sei ein bisher unerkanntes ADHS.
Für beide Vereinfachungen gibt es wissenschaftlich keinen guten Grund. Eine aktuelle umfassende Übersichtsarbeit zu ADHS im Erwachsenenalter betont ausdrücklich, dass für die Störung eine umfangreiche Evidenzbasis existiert, gleichzeitig aber Fragen zu Definition, Epidemiologie, Diagnostik und Behandlung weiter wissenschaftlich diskutiert werden.
Unterdiagnose und Überdiagnose können sogar gleichzeitig vorkommen. In einer Gruppe können Menschen mit erheblicher Beeinträchtigung jahrelang keine Diagnose erhalten, während an anderer Stelle unspezifische Beschwerden zu schnell als ADHS eingeordnet werden. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob „zu viel“ oder „zu wenig“ diagnostiziert wird, sondern wie sorgfältig eine einzelne Diagnose zustande kommt.
Der belmedia-Beitrag „SRF Rundschau: ADHS bei Erwachsenen“ greift ebenfalls auf, weshalb eine Diagnose bei Erwachsenen schwierig sein kann und warum andere psychische Erkrankungen in der Abklärung berücksichtigt werden müssen.
Warum die Diagnose bei Erwachsenen anspruchsvoll ist
ADHS besitzt keinen einzelnen charakteristischen Laborwert. Deshalb beruht die Diagnose auf einer ausführlichen klinischen Beurteilung. NICE empfiehlt ausdrücklich, ADHS nur durch entsprechend qualifizierte und erfahrene Fachpersonen diagnostizieren zu lassen. Fragebögen oder Beobachtungen allein reichen dafür nicht aus.
Eine fundierte Abklärung rekonstruiert zunächst die Entwicklungsgeschichte. Dabei geht es beispielsweise um Konzentration, Impulsivität, Organisation und Verhalten während Kindheit und Jugend. Schulzeugnisse, alte Berichte oder Aussagen von Eltern und anderen nahestehenden Personen können hilfreich sein, sofern sie verfügbar sind.
Danach wird betrachtet, wie sich mögliche Symptome heute auswirken. Schwierigkeiten sollten nicht allein während einer besonders belastenden Arbeitsphase auftreten. Relevant ist vielmehr, ob sich ein überdauerndes Muster in verschiedenen Lebensbereichen erkennen lässt und ob daraus ein klinisch bedeutsamer Leidensdruck beziehungsweise eine funktionelle Beeinträchtigung entsteht.
Strukturierte diagnostische Interviews und standardisierte Fragebögen können diesen Prozess unterstützen. Sie ersetzen jedoch das klinische Gesamturteil nicht.
Eine gute Abklärung sucht ausdrücklich nach anderen Erklärungen
Dieser Teil wird bei populären Selbstdiagnosen häufig unterschätzt. Unaufmerksamkeit, Vergesslichkeit und geringe Belastbarkeit sind nicht spezifisch für ADHS. Schlafstörungen und dauerhafter Schlafmangel können Konzentration und Impulskontrolle beeinträchtigen. Depressionen können Denktempo, Motivation und Gedächtnis verändern, Angststörungen die Aufmerksamkeit ständig auf mögliche Bedrohungen lenken.
Auch chronischer Stress, traumatische Belastungen, Substanzkonsum, bestimmte Medikamente und weitere psychische oder körperliche Erkrankungen können Beschwerden verursachen, die auf den ersten Blick ähnlich wirken. Je nach persönlicher Situation können beispielsweise Schilddrüsenerkrankungen oder andere medizinische Ursachen überprüft werden.
Bipolare Störungen verlangen besondere Sorgfalt, weil Phasen mit gesteigerter Aktivität, wenig Schlaf und impulsivem Verhalten oberflächlich an ADHS erinnern können. Der Verlauf ist jedoch ein anderer. ADHS beginnt entwicklungsbedingt früh und zeigt ein überdauerndes Muster, während manische oder hypomanische Episoden zeitlich begrenzte Veränderungen darstellen.
Autismus und ADHS können wiederum gemeinsam vorkommen. Eine alternative Diagnose schliesst ADHS also nicht grundsätzlich aus. Genau deshalb braucht es eine Differentialdiagnostik statt eines einfachen Abhakens einzelner Symptome.
Schulzeugnisse können wertvoll sein, ihr Fehlen verhindert aber nicht automatisch eine Abklärung
Viele Erwachsene besitzen keine Unterlagen aus ihrer Primarschulzeit mehr. Das ist besonders bei einer Diagnose im Alter von 40, 50 oder 60 Jahren nachvollziehbar. Fachpersonen versuchen dann, die Entwicklung anhand anderer Informationen zu rekonstruieren.
Möglich sind Erinnerungen an typische Schwierigkeiten, Ausbildungswege, frühere Beurteilungen sowie – mit Einverständnis – Angaben von Eltern, Geschwistern oder langjährigen Bezugspersonen. Entscheidend ist, ob sich überzeugende Hinweise auf bereits früh bestehende Symptome ergeben.
Eine seriöse Diagnostik sollte dabei Unsicherheit aushalten können. Wenn sich die Kindheitsgeschichte nicht zuverlässig rekonstruieren lässt oder mehrere Erklärungen gleich plausibel bleiben, kann das Ergebnis einer Abklärung auch weniger eindeutig ausfallen. Medizinische Diagnostik muss nicht zwangsläufig mit einem klaren Ja enden.
Was taugen ADHS-Tests im Internet?
Online-Tests sind nicht grundsätzlich wertlos. Entscheidend ist, welcher Test verwendet wird und welche Aussage daraus abgeleitet wird. Wissenschaftlich entwickelte Screening-Fragebögen können Hinweise darauf geben, ob eine professionelle Abklärung sinnvoll sein könnte.
Zu den bekannten Instrumenten zählt die Adult ADHD Self-Report Scale, kurz ASRS. Auch eine deutschsprachige Variante der neueren ASRS-5 wurde wissenschaftlich untersucht und als zeitsparendes Screening-Instrument bewertet.
Das Schlüsselwort lautet allerdings „Screening“. Ein Screening soll möglichst viele Menschen erkennen, bei denen ein genauerer Blick angebracht sein könnte. Es soll nicht abschliessend entscheiden, wer eine Erkrankung hat.
Genau dadurch entstehen falsch positive Ergebnisse. Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung bezeichnet die ASRS ausdrücklich als nützliches, weit verbreitetes Screening-Verfahren, weist aber zugleich auf eine hohe Rate positiver Befunde bei Personen hin, bei denen sich eine ADHS-Diagnose anschliessend nicht bestätigen muss.
Ein positives Online-Ergebnis bedeutet deshalb nicht „Ich habe ADHS“
Wer bei einem validierten Screening oberhalb eines Grenzwertes liegt, hat einen guten Grund, bestehende Probleme genauer anzuschauen. Mehr lässt sich daraus zunächst nicht ableiten. Der Fragebogen kennt weder Schlaf, Lebensgeschichte und Arbeitsbelastung noch Depressionen, Angst, Medikamente oder andere mögliche Erklärungen.
Auch die Schweizer Informations- und Beratungsstelle adhs20+ weist bei ihrem eigenen Online-Angebot ausdrücklich darauf hin, dass erst eine komplexe Abklärung und professionelle Diagnose durch eine Fachperson ADHS bestätigen kann.
Problematischer sind frei erfundene Internet-Quizze. Aussagen wie „Wer ständig mehrere Tabs offen hat, hat wahrscheinlich ADHS“ oder „Wer beim Lesen abschweift, ist neurodivergent“ haben keinen diagnostischen Wert. Viele der darin genannten Erlebnisse gehören zum normalen menschlichen Verhalten.
Ein seriöser Test sollte daher klar benennen, welches validierte Instrument verwendet wird, für welchen Zweck es entwickelt wurde und dass das Ergebnis keine Diagnose darstellt. Fehlen solche Angaben, ist Zurückhaltung angebracht.
Social Media kann helfen – und gleichzeitig den Blick verzerren
Die grössere Sichtbarkeit von ADHS hat Vorteile. Menschen erfahren, dass die Störung auch bei Erwachsenen vorkommt, dass Hyperaktivität nicht immer offensichtlich sein muss und dass Schwierigkeiten mit Organisation und Aufmerksamkeit ernst genommen werden dürfen.
Problematisch wird es, wenn aus Aufklärung diagnostische Gewissheit entsteht. Kurze Videos funktionieren besonders gut mit Wiedererkennung. Sätze wie „Fünf Dinge, von denen niemand wusste, dass sie ADHS sind“ erzeugen Aufmerksamkeit, vermischen aber häufig häufige Alltagserfahrungen mit diagnostisch relevanten Symptomen.
Hinzu kommt ein Auswahlproblem: Wer mehrere ADHS-Inhalte anschaut, bekommt durch Empfehlungsalgorithmen oft noch mehr davon präsentiert. Dadurch kann subjektiv der Eindruck entstehen, beinahe jede eigene Gewohnheit passe in dasselbe Erklärungsmodell.
Die zunehmende Aufmerksamkeit ist deshalb weder Beweis für eine Modekrankheit noch Beweis für eine bisher unerkannte Diagnose. Sie ist ein Anlass, besonders sauber zwischen Information, Screening und Diagnostik zu unterscheiden.
Wo kann man ADHS als Erwachsener in der Schweiz abklären lassen?
Ein sinnvoller erster Ansprechpartner kann die Hausarztpraxis sein. Dort lassen sich die Beschwerden besprechen, körperliche beziehungsweise andere medizinische Ursachen einordnen und bei Bedarf geeignete Fachstellen suchen. Für die eigentliche ADHS-Diagnostik sollte eine Fachperson gewählt werden, die Erfahrung mit ADHS im Erwachsenenalter besitzt.
Infrage kommen insbesondere Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie sowie entsprechend qualifizierte psychologische Fachpersonen innerhalb eines geeigneten diagnostischen Settings. Daneben gibt es spezialisierte ambulante Angebote an psychiatrischen Kliniken und Universitätsspitälern.
Ein konkretes Beispiel ist die ADHS-/Autismus-Sprechstunde der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Dort werden Erwachsene mit Verdacht auf ADHS anhand diagnostischer Interviews und Fragebögen abgeklärt. Die UPK weist derzeit darauf hin, dass eine Überweisung durch eine Fachperson erforderlich ist und Wartezeiten entstehen können.
In der Westschweiz bietet beispielsweise das CHUV in Lausanne eine spezialisierte vertiefte ADHS-Diagnostik nach internationalen Leitlinien an, eingebettet in eine umfassendere psychiatrische beziehungsweise psychologische Abklärung.
Eine weitere Orientierung bietet die Schweizer Informations- und Beratungsstelle adhs20+. Sie führt ein Netzwerk von Fachpersonen, die Erfahrung mit Erwachsenen haben. Vor einer privaten Abklärung sollte geklärt werden, welche Leistungen die Krankenkasse im konkreten Versicherungsmodell übernimmt und ob eine Überweisung erforderlich ist.
Woran lässt sich eine sorgfältige ADHS-Abklärung erkennen?
Misstrauen ist angebracht, wenn eine sichere Diagnose nach einem sehr kurzen Online-Gespräch oder allein anhand eines Fragebogens versprochen wird. Ebenso problematisch wäre eine Stelle, die praktisch nur danach sucht, eine bereits feststehende Selbstdiagnose zu bestätigen.
Eine fundierte Abklärung umfasst typischerweise mehrere Ebenen: aktuelle Symptome, Funktionsbeeinträchtigung, Entwicklung seit der Kindheit, psychische Begleiterkrankungen, mögliche alternative Erklärungen und relevante medizinische Faktoren. Standardisierte Instrumente können dazugehören, dürfen aber nicht allein entscheiden.
Auch ein Computertest der Aufmerksamkeit kann zusätzliche Informationen liefern, beweist ADHS aber nicht. Menschen mit ADHS können an einem Testtag gut abschneiden, während Menschen ohne ADHS aufgrund von Schlafmangel, Stress oder anderen Faktoren schlecht abschneiden.
Genauso wenig beweist die Wirkung eines Medikaments nachträglich die Diagnose. Eine Verbesserung von Wachheit oder Konzentration nach einem stimulierenden Medikament ist kein spezifischer ADHS-Test.
Was für die erste Abklärung hilfreich sein kann
Wer einen Termin vereinbart hat, kann den diagnostischen Prozess erleichtern, indem konkrete Beispiele gesammelt werden. Statt allgemein festzuhalten, die Konzentration sei schlecht, sind Situationen hilfreicher: Rechnungen werden regelmässig zu spät bezahlt, Termine gehen trotz Kalender verloren oder Arbeitsaufträge werden begonnen und wiederholt nicht abgeschlossen.
Auch Informationen aus unterschiedlichen Lebensphasen sind nützlich. Schulzeugnisse, alte Lernberichte oder frühere psychologische beziehungsweise medizinische Unterlagen können Hinweise liefern. Eine aktuelle Medikamentenliste sowie Informationen über Schlaf, Substanzkonsum und bestehende Diagnosen gehören ebenfalls zum Gesamtbild.
Wenn möglich und gewünscht, können Aussagen von Personen hilfreich sein, die den Betroffenen lange kennen. Sie ersetzen die eigene Perspektive nicht, können jedoch zusätzliche Beobachtungen liefern.
Was sagt die Forschung zur Häufigkeit bei Erwachsenen?
Eine einzige exakte Prozentzahl ist problematisch, weil Studien unterschiedliche Definitionen und Methoden verwenden. Eine häufig zitierte globale Meta-Analyse kam bei einer strengeren Definition von im Erwachsenenalter fortbestehendem ADHS auf rund 2,6 Prozent. Wurden Erwachsene allein anhand aktueller symptomatischer Kriterien betrachtet, lagen Schätzungen deutlich höher.
Neuere europäische Daten zeigen ebenfalls eine deutliche Lücke zwischen epidemiologischen Schätzungen und tatsächlich in medizinischen Akten dokumentierten Diagnosen. Eine 2026 veröffentlichte europäische Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass die in der Primärversorgung erfassten Diagnoseraten deutlich unter den aus Bevölkerungsstudien erwarteten Werten liegen.
Auch deshalb wäre die Aussage „ADHS wird inzwischen überall überdiagnostiziert“ zu einfach. Gleichzeitig erlaubt eine statistische Untererfassung keine Rückschlüsse auf die Qualität jeder einzelnen neuen Diagnose. Beides muss getrennt betrachtet werden.
Warum ADHS bei manchen Menschen erst mit 30, 40 oder 50 auffällt
Eine Diagnose im Erwachsenenalter bedeutet nicht, dass die Störung plötzlich im Erwachsenenalter entstanden sein muss. Manche Menschen konnten Schwierigkeiten lange kompensieren. Ein strukturierter Elternhaushalt, überschaubare Schulanforderungen, klare Arbeitsabläufe oder die Unterstützung eines Partners können organisatorische Schwächen teilweise auffangen.
Problematisch wird es mitunter erst, wenn die Anforderungen steigen. Studium, Beruf, Führungsverantwortung, Elternschaft oder die Organisation eines eigenen Haushalts verlangen mehr Selbststeuerung. Strategien, die früher ausreichten, funktionieren plötzlich nicht mehr.
Das kann erklären, warum Erwachsene erst spät Hilfe suchen. Trotzdem muss eine Diagnostik prüfen, ob tatsächlich Hinweise auf entsprechende Schwierigkeiten in früheren Lebensphasen bestanden oder ob die Beschwerden erst später durch andere Faktoren entstanden sind.
ADHS oder einfach zu viel Stress?
Diese Unterscheidung ist besonders relevant, weil moderner Alltag Aufmerksamkeit stark beanspruchen kann. Messenger, E-Mail, parallele Projekte, permanente Erreichbarkeit und kurze digitale Reize fördern häufige Unterbrechungen. Wer nach Monaten mit wenig Schlaf und hoher Arbeitsbelastung zunehmend vergesslich wird, muss deshalb nicht automatisch ADHS haben.
Andererseits kann dauerhafter Stress bestehende ADHS-Symptome deutlicher sichtbar machen. Eine Person, die ihre Organisation bislang mit grossem Aufwand aufrechterhalten konnte, verliert unter zusätzlicher Belastung möglicherweise genau diese Kompensationsmöglichkeiten.
Der Unterschied lässt sich deshalb nicht anhand eines einzelnen Symptoms erkennen. Entscheidend sind Lebensgeschichte, Verlauf und funktionelle Auswirkungen. Der belmedia-Beitrag „Weltweite Zunahme psychischer Erkrankungen belastet Wirtschaft und Gesellschaft“ ordnet die wachsende Bedeutung psychischer Belastungen in einen breiteren gesundheitlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang ein.
Was passiert nach einer bestätigten Diagnose?
Eine Diagnose ist kein Therapieziel an sich. Sie soll erklären helfen, welche Schwierigkeiten vorliegen und welche Unterstützung sinnvoll sein könnte. Dabei spielen Ausmass der Beeinträchtigung, Begleiterkrankungen, persönliche Ziele und individuelle Präferenzen eine Rolle.
Zur Behandlung von ADHS im Erwachsenenalter gehören je nach Situation Psychoedukation, medikamentöse Behandlung und psychotherapeutische beziehungsweise verhaltenstherapeutische Ansätze. Internationale Leitlinien empfehlen bei erheblicher Beeinträchtigung auch Medikamente, wenn sie nach individueller Prüfung angezeigt sind.
Praktische Strategien können ergänzen: Aufgaben in kleinere Einheiten teilen, sichtbare Erinnerungen einsetzen, feste Ablageorte schaffen, Störreize reduzieren und Termine konsequent externalisieren. Solche Techniken sind übrigens auch ohne ADHS-Diagnose sinnvoll, wenn sie konkrete Probleme lösen.
Was die Forschung noch nicht beantworten kann
Trotz einer grossen wissenschaftlichen Literatur ist ADHS kein vollständig entschlüsseltes Krankheitsbild. Es handelt sich um eine heterogene Störung: Zwei Erwachsene mit derselben Diagnose können unterschiedliche Schwierigkeiten, Stärken, Begleiterkrankungen und Lebensverläufe haben.
Genetische Forschung zeigt eine ausgeprägte erbliche Komponente, gleichzeitig wirken zahlreiche genetische Varianten mit jeweils kleinen Effekten zusammen. Hinzu kommen Entwicklungs- und Umweltfaktoren. Es gibt kein einzelnes „ADHS-Gen“.
Auch Befunde aus der Bildgebung sind statistische Gruppenbefunde. Sie können helfen, Mechanismen besser zu erforschen, sind aber nicht genau genug, um bei einer einzelnen Person anhand eines MRT-Bildes ADHS festzustellen. Das Gleiche gilt bislang für EEG-Muster und andere vorgeschlagene Biomarker.
Forschung beschäftigt sich zudem stärker damit, wie sich Symptome über das Leben verändern. ADHS verläuft nicht bei jedem Menschen gleich. Einige Symptome können abnehmen, andere bleiben bestehen oder werden unter bestimmten Lebensbedingungen wieder stärker sichtbar.
Deutschsprachiges Video: Ist ADHS Störung, Varianz oder „Superkraft“?
Die zunehmende Zahl von ADHS-Diagnosen, den Einfluss digitaler Selbstdiagnosen und die Frage nach der Grenze zwischen menschlicher Vielfalt und behandlungsbedürftiger Störung diskutiert die SRF-Sendung „Sternstunde Philosophie“. An der Diskussion beteiligen sich unter anderem die Soziologin Laura Wiesböck, die sich mit digitalen Diagnosen beschäftigt, und der auf ADHS spezialisierte Psychiater Heiner Lachenmeier.
Ist ADHS nun überdiagnostiziert oder unterdiagnostiziert?
Auf diese Frage liefert die Forschung keine seriöse globale Ja-Nein-Antwort. Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass Erwachsene mit ADHS über viele Jahre unerkannt bleiben können. Dies betrifft unter anderem Menschen mit weniger auffälligen Symptommustern und Frauen, die in der Kindheit seltener durch äusserlich störendes Verhalten aufgefallen sind.
Gleichzeitig ist eine Fehldiagnose möglich, wenn häufige Alltagsprobleme vorschnell pathologisiert werden, Screening-Ergebnisse als Diagnose missverstanden werden oder alternative Erklärungen nicht ausreichend geprüft werden. Gerade deshalb fordern Leitlinien eine umfassende fachliche Beurteilung und warnen davor, Diagnosen allein anhand von Ratingskalen zu stellen.
Die aktuellere Forschung zur Entwicklung der Prävalenz liefert zudem einen wichtigen Hinweis: Die Nachfrage nach Diagnostik und Behandlung ist deutlich gestiegen, ohne dass hochwertige Studien einen entsprechend starken Anstieg der zugrunde liegenden Häufigkeit seit 2020 zeigen. Das lässt sich eher mit veränderter Wahrnehmung, Zugang zur Versorgung und Diagnosepraxis vereinbaren als mit einer plötzlich entstandenen neuen Erkrankungswelle.
Fazit: ADHS ist real – aber ein Online-Test macht noch keine Diagnose
ADHS im Erwachsenenalter ist keine medizinische Modeerscheinung. Die Störung ist durch Jahrzehnte wissenschaftlicher Forschung gestützt, hat eine erhebliche genetische Komponente und kann relevante Auswirkungen auf Ausbildung, Beruf, Beziehungen und den Alltag haben. Erwachsene können eine Diagnose erhalten, obwohl ADHS in ihrer Kindheit nie erkannt wurde.
Dass heute häufiger über ADHS gesprochen wird, ist deshalb grundsätzlich kein Problem. Grössere Aufmerksamkeit kann Menschen erreichen, deren Schwierigkeiten früher als Faulheit, mangelnde Disziplin oder persönliches Versagen interpretiert wurden. Gleichzeitig erhöht die Popularität des Themas das Risiko, gewöhnliche Konzentrationsschwankungen und unspezifische Beschwerden vorschnell mit ADHS gleichzusetzen.
Online-Screenings können bei dieser ersten Orientierung helfen, wenn sie auf validierten Verfahren beruhen. Ihr Ergebnis bedeutet jedoch lediglich, dass eine genauere Abklärung sinnvoll sein könnte. Weder ein Internet-Test noch ein Computertest, Gehirnscan, Blutwert oder die Reaktion auf ein Medikament kann die fachliche Diagnostik ersetzen.
Eine gute ADHS-Abklärung nimmt sich Zeit. Sie untersucht die Kindheits- und Entwicklungsgeschichte, aktuelle Beeinträchtigungen und mögliche Begleiterkrankungen. Sie prüft ebenso sorgfältig, ob Schlafprobleme, Depression, Angst, Stress, Substanzen oder andere medizinische und psychische Ursachen die Beschwerden besser erklären könnten.
Genau darin liegt die vernünftige Mitte zwischen zwei Extremen: ADHS sollte weder als Trend abgetan noch aus einer Liste vertrauter Alltagssituationen selbst diagnostiziert werden. Wer über längere Zeit erheblich unter Aufmerksamkeit, Organisation oder Impulsivität leidet, hat gute Gründe für eine professionelle Abklärung – unabhängig davon, ob am Ende ADHS oder eine andere Erklärung steht.
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