Vom WM-Halbfinalisten zum Fussball-Zwerg – Bulgariens tiefer Fall
von belmedia Redaktion Allgemein Europa Fussball Magazine nachrichtenticker.ch Nations League News Orte Schweiz soccer.ch Spiele Sport Sport & Spiel sportaktuell.ch Themen Ⳇ Verbreitung
1994 gehörte Bulgarien zu den vier besten Fussball-Nationen der Welt. Hristo Stoichkov, Krasimir Balakov und Emil Kostadinov führten das Land bei der WM in den USA sensationell bis in den Halbfinal. 32 Jahre später ist von dieser Herrlichkeit kaum noch etwas übrig: Nach dem 1:2 gegen Luxemburg kam Bulgarien am Dienstagabend zuhause gegen Estland nicht über ein 0:0 hinaus.
Damit ist der Fehlstart in die neue Nations League perfekt. Ausgerechnet in Liga C holte Bulgarien aus den ersten beiden Heimspielen gegen Luxemburg und Estland nur einen Punkt und erzielte lediglich einen Treffer. Früher bezwang die Mannschaft Deutschland bei einer Weltmeisterschaft, heute sind selbst Siege gegen kleinere europäische Nationen längst keine Selbstverständlichkeit mehr.
Der Niedergang zieht sich mittlerweile über mehr als zwei Jahrzehnte. Seit der EM 2004 hat Bulgarien kein grosses Turnier mehr erreicht. Auch die WM 2026 wurde deutlich verpasst: In sechs Qualifikationsspielen gelangen lediglich drei Tore, während die Mannschaft 19 Gegentreffer kassierte. In der FIFA-Weltrangliste steht Bulgarien aktuell nur noch auf Position 85.
0:0 gegen Estland ist der nächste Tiefpunkt
Nach der überraschenden 1:2-Heimniederlage gegen Luxemburg zum Nations-League-Auftakt sollte gegen Estland unbedingt eine Reaktion folgen. Doch auch im zweiten Heimspiel gelang Bulgarien kein Sieg.
Das 0:0 bedeutet nach zwei Spieltagen nur einen Punkt. Besonders ernüchternd: Beide Partien fanden vor eigenem Publikum statt. In einer Gruppe mit Luxemburg, Estland und Island wäre Bulgarien früher klarer Favorit gewesen. Heute befindet sich die Mannschaft sportlich auf Augenhöhe mit diesen Nationen.
Schon die Einstufung in Liga C zeigt, wie weit das einstige europäische Spitzenteam gefallen ist. Der Wettbewerb wird ab 2028 nochmals umgebaut – auch die Struktur der Nations League wird künftig grundlegend verändert. Für Bulgarien besteht die unmittelbare Aufgabe jedoch erst einmal darin, innerhalb der heutigen Liga C wieder konkurrenzfähig zu werden.
1994 schrieb Bulgarien Fussballgeschichte
Wie dramatisch der Absturz ist, zeigt der Rückblick auf die Weltmeisterschaft 1994.
Schon die Qualifikation wurde legendär. Emil Kostadinov schoss Bulgarien im entscheidenden Spiel in Paris mit zwei Toren zum 2:1 gegen Frankreich und damit zur WM in den USA.
Dort folgte der grösste Erfolg der Verbandsgeschichte. Nach dem Einzug in die K.-o.-Phase bezwang Bulgarien Mexiko im Achtelfinal und traf anschliessend auf Titelverteidiger Deutschland.
Lothar Matthäus brachte die Deutschen per Penalty in Führung. Stoichkov glich in der 75. Minute aus, nur drei Minuten später köpfte Yordan Letchkov Bulgarien zum sensationellen 2:1-Sieg.
Im Halbfinal unterlag das Team Italien mit 1:2. Das Spiel um Platz drei ging anschliessend gegen Schweden verloren. Bulgarien beendete die WM trotzdem als viertbeste Mannschaft der Welt.
Stoichkov erzielte sechs Tore, teilte sich die Torjägerkrone mit Oleg Salenko und gewann noch im selben Jahr den Ballon d’Or.
Seit 2004 keine Endrunde mehr
Auch nach der goldenen Generation blieb Bulgarien zunächst international konkurrenzfähig. Das Land qualifizierte sich für die EM 1996 und die WM 1998.
Später übernahm eine neue Generation um Dimitar Berbatov, Stiliyan Petrov und Martin Petrov. 2004 gelang nochmals die Qualifikation für die Europameisterschaft in Portugal.
Danach begann die lange Durststrecke. Bulgarien verpasste seither jede WM und jede EM.
Mehrere Trainerwechsel, neue Verbandsführungen und zahlreiche Umbrüche im Kader konnten den Trend nicht stoppen. Besonders die fehlende Konstanz im Nachwuchs und die geringe Zahl von Spielern in europäischen Spitzenklubs machten sich zunehmend bemerkbar.
WM-Qualifikation 2026 offenbarte die Probleme
Auch die jüngste WM-Qualifikation zeigte, wie gross der Abstand zur europäischen Spitze mittlerweile geworden ist.
In sechs Partien erzielte Bulgarien lediglich drei Treffer. Dem gegenüber standen 19 Gegentore. Der UEFA-Statistik zufolge kam die Mannschaft auf lediglich 0,5 Tore pro Partie und kassierte im Durchschnitt mehr als drei Gegentreffer.
Damit war die Qualifikation früh praktisch ausser Reichweite.
Die Probleme setzen sich nun in der Nations League fort. Auf das 1:2 gegen Luxemburg folgte das torlose Remis gegen Estland. Bereits am 3. Oktober wartet auswärts Island, drei Tage später folgt das Rückspiel gegen Luxemburg.
Von Weltranglistenplatz 8 auf Position 85
Auch die FIFA-Weltrangliste dokumentiert den langfristigen Niedergang eindrücklich.
Bulgarien erreichte in seiner erfolgreichsten Zeit Platz 8. Aktuell liegt die Nationalmannschaft auf Rang 85. Zwischenzeitlich war das Land sogar bis auf Position 96 zurückgefallen.
Damit hat Bulgarien innerhalb einer Generation mehr als 70 Plätze gegenüber seiner besten Weltranglistenposition verloren.
Die Erinnerungen an Stoichkov, Balakov, Kostadinov und Letchkov sind weiterhin ein bedeutender Teil der bulgarischen Fussballgeschichte. Sportlich lebt die aktuelle Nationalmannschaft jedoch längst in einer völlig anderen Realität.
Das 0:0 gegen Estland ist deshalb weit mehr als nur ein enttäuschendes Einzelresultat. Es steht sinnbildlich für einen der bemerkenswertesten Abstürze einer einstigen europäischen Fussballnation.
- 1994: Rang 4 bei der Weltmeisterschaft in den USA.
- 2004: letzte Teilnahme an einer WM- oder EM-Endrunde.
- Aktuell Rang 85 der FIFA-Weltrangliste – Bestwert der Geschichte war Rang 8.
- Nations League 2026/27: nur ein Punkt aus den ersten beiden Heimspielen gegen Luxemburg und Estland.
Quelle: belmedia-Redaktion
Bildquelle: Symbolbild – Titelbild – KI-generiert