Wie werden Architekturpreise juriert? Ein Blick hinter die Kulissen preisgekrönter Baukunst

Architekturpreise geniessen hohes Ansehen – doch wie entsteht eigentlich die Entscheidung, welches Projekt ausgezeichnet wird? Die Jurierung folgt meist einem präzisen, mehrstufigen Verfahren mit klaren Kriterien und interdisziplinären Jurys.

Die Auswahl preiswürdiger Architekturprojekte erfordert viel Fachwissen, Diskussionen und das Abwägen verschiedenster Aspekte. Wer verstehen will, warum ein Wohnhaus, ein Schulbau oder ein Stadtplatz einen Architekturpreis gewinnt, sollte wissen, wie das Auswahlverfahren abläuft – und welche Werte und Perspektiven dabei eine Rolle spielen.

Die Jurierung ist zentral für die Qualität und Glaubwürdigkeit von Architekturpreisen. Sie sorgt dafür, dass nicht nur spektakuläre Formen, sondern auch Nachhaltigkeit, sozialer Nutzen und kontextuelle Qualität gewürdigt werden.



Wer sitzt in der Jury?

Architekturjurys setzen sich typischerweise aus mehreren Expertinnen und Experten zusammen. Oft sind dies:

  • Architektinnen und Architekten mit Praxiserfahrung und gestalterischer Kompetenz
  • Fachpersonen aus benachbarten Disziplinen wie Städtebau, Denkmalpflege, Landschaftsarchitektur
  • Vertreterinnen öffentlicher Institutionen, etwa der Denkmalpflege, Bauämter oder Kulturförderung
  • Kritiker oder Architekturtheoretikerinnen, die eine diskursive Perspektive einbringen

Manche Preise binden auch Vertreter der Zivilgesellschaft oder zukünftige Nutzergruppen ein – besonders bei partizipativen Wettbewerben. Die Zusammensetzung variiert je nach Preisformat, öffentlichem Interesse und Tragweite des Wettbewerbs.


Gremium mit Vielfalt: Eine gut zusammengesetzte Jury vereint unterschiedliche Perspektiven: praktische Baukompetenz, kulturelle Reflexion und gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein.

Nach welchen Kriterien wird bewertet?

Die Bewertung folgt in der Regel einem Set fester Kriterien, die je nach Preis spezifisch gewichtet werden. Dazu gehören etwa:

  • Gestalterische Qualität: Proportionen, Materialien, Formensprache, Detailgenauigkeit
  • Funktionalität: Wie gut erfüllt das Gebäude seinen Zweck? Ist es nutzerfreundlich?
  • Integration in den Kontext: Passt das Projekt zur Umgebung – landschaftlich, städtebaulich, historisch?
  • Nachhaltigkeit: Energiekonzept, Baustoffwahl, Lebenszyklusbetrachtung
  • Innovationsgrad: Neue Lösungen, Denkansätze, technologische oder soziale Experimente
  • Gesellschaftlicher Beitrag: Wie trägt das Projekt zum öffentlichen Leben, zur Identifikation oder zur sozialen Integration bei?

Bei manchen Preisen spielen auch Wirtschaftlichkeit oder Nutzerbeteiligung eine Rolle.


Beurteilungsdimensionen: Gute Architektur vereint Ästhetik, Funktion, Umweltbewusstsein und gesellschaftliche Relevanz – das verlangt ein ausgewogenes Bewertungsraster.

Wie läuft das Jurierungsverfahren ab?

Die Verfahren sind meist mehrstufig organisiert und folgen einem klaren Zeitplan:

1. Einreichung

Architekturbüros oder Bauherrschaften reichen ihre Projekte ein – oft in Form von Plänen, Fotos, Konzepttexten und manchmal Modellen. Die Einreichung erfolgt digital oder physisch und wird meist anonymisiert.

2. Vorauswahl

Eine Vorjury oder das Preisgremium sichtet alle Einreichungen und trifft eine engere Auswahl (Shortlist). Dabei werden Kriterienraster angewendet, die helfen, die Bandbreite der Einsendungen systematisch zu erfassen.

3. Begehungen

Für die Projekte der engeren Wahl werden Begehungen organisiert. Die Jury reist an, besichtigt die Bauten vor Ort, spricht oft mit Architektinnen, Nutzergruppen oder Bauherren. Diese Phase ist entscheidend für das Verständnis der räumlichen Qualitäten.



4. Diskussion und Entscheidung

Nach den Besichtigungen tagt die Jury erneut. In intensiven Diskussionen werden die Stärken und Schwächen der Projekte abgewogen. Manchmal führt dies zu mehreren Preisverleihungen, manchmal zu einem klaren Favoriten.

5. Preisverleihung und Öffentlichkeit

Die prämierten Projekte werden der Öffentlichkeit vorgestellt – meist im Rahmen einer Ausstellung und einer Publikation. Ziel ist, Architektur sichtbar zu machen und die gesellschaftliche Debatte darüber zu fördern.


Transparenz und Glaubwürdigkeit: Gut strukturierte Verfahren mit klaren Kriterien und nachvollziehbaren Entscheidungen schaffen Vertrauen – in der Fachwelt und in der Öffentlichkeit.

Fazit: Architekturpreise als Spiegel gesellschaftlicher Werte

Architekturpreise sind weit mehr als eine Ehrung guter Gestaltung – sie spiegeln aktuelle Diskurse und Prioritäten in Gesellschaft und Baukultur. In der Jurierung verdichtet sich, was als zukunftsweisend, verantwortungsvoll oder exemplarisch gilt.

Deshalb ist die Qualität des Jurierungsverfahrens entscheidend. Es braucht Vielfalt in der Jury, klar definierte Kriterien und eine offene Diskussion – damit die ausgezeichneten Projekte tatsächlich als Vorbilder dienen können.

Architekturpreise leisten so einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung unserer gebauten Umwelt – und zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit für Architektur als kulturelle Aufgabe.

 

Quelle: architektenwelt.com-Redaktion
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