Radonschutz beim Neubau: Risiken und Massnahmen in der Schweiz
von belmedia Redaktion architektenwelt.com Architektur Bau bauenaktuell.ch Baustelle Energie handwerker24.ch Haus Hausbau hometipp.ch Immobilien Krankheiten nachrichtenticker.ch News Prävention Sicherheit sicherheit.ch Tipps Vital Wohnen wohnenaktuell.ch xund24.ch
Radon ist ein natürliches radioaktives Edelgas, das aus dem Untergrund in Gebäude gelangen kann. Besonders betroffen sind Räume mit direktem Erdkontakt sowie die untersten bewohnten Geschosse. Beim Neubau lässt sich das Risiko mit einer durchgehenden Bodenplatte, dauerhaft dichten Anschlüssen und sorgfältig ausgeführten Leitungsdurchführungen wirksam begrenzen. Werden diese Schutzprinzipien früh eingeplant, bleiben Aufwand und Kosten meist überschaubar.
Radon ist weder sichtbar noch riechbar oder geschmacklich wahrnehmbar. Ob sich das Gas in einem Gebäude anreichert, hängt vom Untergrund, der Bauweise, der Luftführung und der Qualität der erdberührten Gebäudehülle ab. Die Schweizer Radonkarte unterstützt die erste Risikoeinschätzung, ersetzt jedoch keine Messung im fertiggestellten Gebäude.
Titelbild:
https://www.shutterstock.com/image-photo/workers-prepare-cement-slab-foundation-house-2688384135
Text:
Bereits beim Erstellen der Bodenplatte werden die wesentlichen Voraussetzungen für einen wirksamen Radonschutz geschaffen.
Radon entsteht im Untergrund
Radon bildet sich beim natürlichen Zerfall von Uran, das in unterschiedlichen Konzentrationen in Böden und Gesteinen vorkommt. Das Gas kann sich in den Poren des Untergrunds bewegen und mit der Bodenluft bis an ein Gebäude gelangen. Im Freien wird es rasch verdünnt, während es sich in geschlossenen Innenräumen anreichern kann.
Gebäude wirken besonders während der Heizperiode häufig wie ein leichter Sog auf die Bodenluft. Warme Raumluft steigt auf und entweicht über Fugen, Lüftungsöffnungen oder das Dach. Dadurch entsteht im unteren Gebäudebereich ein geringer Unterdruck. Radonhaltige Bodenluft kann über Risse, Arbeitsfugen, Rohrdurchführungen, Installationsschächte oder undichte Kellerböden nachströmen.
Das Gesundheitsrisiko zeigt sich erst langfristig
Gesundheitlich relevant sind vor allem die radioaktiven Folgeprodukte des Radons. Beim Einatmen können sie sich in den Atemwegen ablagern und dort das Gewebe durch Alphastrahlung schädigen. Eine erhöhte Belastung über längere Zeit steigert das Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken. Akute Beschwerden, anhand derer sich eine hohe Konzentration erkennen liesse, treten dagegen nicht auf.
Das Bundesamt für Gesundheit ordnet Radon nach dem Rauchen als wichtigste Ursache für Lungenkrebs ein. In der Schweiz werden jährlich schätzungsweise 200 bis 300 Todesfälle mit Radon in Verbindung gebracht. Besonders ungünstig ist die Kombination aus Tabakrauch und erhöhter Radonexposition, weil sich die Risiken gegenseitig verstärken.
Bild 1:
https://www.shutterstock.com/image-photo/dangerous-natural-radon-gas-buildings-concept-2486547737
Text:
Radon steigt aus dem Untergrund auf und kann über undichte Stellen der erdberührten Gebäudehülle eindringen.
Der Schweizer Referenzwert liegt bei 300 Becquerel
Für Räume, in denen sich Personen regelmässig während mehrerer Stunden pro Tag aufhalten, gilt in der Schweiz ein Radonreferenzwert von 300 Becquerel pro Kubikmeter Luft. Massgebend ist der Jahresmittelwert. Der Referenzwert ist keine scharfe Grenze zwischen ungefährlicher und gefährlicher Raumluft: Das gesundheitliche Risiko steigt mit zunehmender Konzentration und Expositionsdauer.
Beim Neubau liegt es deshalb nahe, die Belastung so tief wie mit verhältnismässigen Massnahmen erreichbar zu halten. Einige Gebäudestandards verfolgen strengere Zielwerte. Minergie-ECO sieht beispielsweise vor, dass die Radonkonzentration 100 Becquerel pro Kubikmeter nicht überschreitet.
Die Radonkarte des Bundes zeigt, mit welcher Wahrscheinlichkeit der Referenzwert an einem bestimmten Standort überschritten werden könnte. Sie beschreibt jedoch keinen Messwert für eine einzelne Parzelle und keine garantierte Belastung eines künftigen Hauses. Selbst innerhalb derselben Gemeinde können benachbarte Gebäude deutlich unterschiedliche Konzentrationen aufweisen.
Radonschutz gehört bereits ins Vorprojekt
Der Schutz beginnt mit der Abklärung von Baugrund, Gelände, Untergeschoss und vorgesehener Raumnutzung. Schlafräume, Büros, Hobbyräume und andere häufig genutzte Bereiche im Untergeschoss erhöhen die Bedeutung einer besonders konsequenten Ausführung. Auch eine offene Treppe zwischen Keller und Wohngeschossen kann die Verteilung radonhaltiger Luft begünstigen.
Die Anforderungen gehören in Pläne, Ausschreibungen und Werkverträge. Damit ist festgelegt, wer für Bodenplatte, Fugen, Durchführungen, Abdichtungen und eine allfällige Radondrainage verantwortlich ist. Eine allgemeine Formulierung wie „radondicht ausführen“ reicht für die Qualitätssicherung kaum aus. Entscheidend sind überprüfbare Konstruktionsdetails.
Die Planung des Radonschutzes lässt sich mit den Anforderungen an Feuchte-, Wasser- und Wärmeschutz verbinden. Der Beitrag „Keller bauen oder darauf verzichten? Kosten, Nutzung und technische Anforderungen“ zeigt, weshalb erdberührte Räume bereits im Vorprojekt eine klar definierte Nutzung und ein abgestimmtes Hüllenkonzept benötigen.
Bild 2:
Text:
Abdichtungen müssen als zusammenhängendes System geplant und an Fugen sowie Durchdringungen sorgfältig ausgeführt werden.
Eine durchgehende Bodenplatte bildet die erste Schutzebene
Das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt für Neubauten eine durchgehende Bodenplatte. Zusammen mit dichten erdberührten Wänden bildet sie eine Barriere zwischen Bodenluft und Innenraum. Wasserdichter Beton kann dabei eine robuste Grundlage schaffen, sofern Bemessung, Bewehrung, Betonage und Nachbehandlung auf eine möglichst rissarme Konstruktion abgestimmt sind.
Die Betonfläche allein garantiert noch keinen Radonschutz. Schwachstellen entstehen häufig an Arbeits- und Bewegungsfugen, beim Übergang zwischen Bodenplatte und Wand sowie an Leitungseinführungen. Selbst kleine Öffnungen können relevant sein, weil Bodenluft durch Druckunterschiede ins Gebäude transportiert wird.
Bei Bauweisen ohne wasserdichte Betonkonstruktion sind geeignete Sperr- und Abdichtungsschichten vorzusehen. Diese müssen flächig, dauerhaft und mit den angrenzenden Bauteilen kompatibel sein. Beschädigungen durch Bewehrung, Installationen oder spätere Arbeiten dürfen nicht unbemerkt bleiben.
Rohrdurchführungen brauchen geprüfte Anschlussdetails
Wasser, Abwasser, Elektrizität, Wärmepumpenleitungen und Telekommunikation durchdringen häufig Bodenplatte oder Kellerwände. Improvisierte Öffnungen, nachträglich ausgeschäumte Zwischenräume oder unvollständig verfüllte Kernbohrungen bilden potenzielle Eintrittswege für Bodenluft. Deshalb sollten Leitungen gebündelt und mit dafür vorgesehenen Durchführungssystemen ausgeführt werden.
Auch Reserveleitungen verdienen Aufmerksamkeit. Ein ungenutztes Leerrohr kann eine direkte Verbindung zwischen Untergrund und Innenraum herstellen. Enden, Ringräume und Übergänge müssen dauerhaft verschlossen werden, ohne spätere Wartungsarbeiten unnötig zu erschweren.
Vor dem Betonieren sollte feststehen, wo sämtliche Durchdringungen liegen. Nachträgliche Kernbohrungen erhöhen den Abdichtungsaufwand und können bereits ausgeführte Schutzschichten beschädigen. Eine fotografische Dokumentation erleichtert spätere Kontrollen und verhindert, dass verdeckte Details in Vergessenheit geraten.
Infografik
Eine Radondrainage schafft zusätzliche Sicherheit
In Gebieten mit mittlerem oder hohem Radonrisiko empfiehlt sich eine vorsorglich vorbereitete Bodenentlüftung unter dem Fundament. Dazu kann unter der Bodenplatte eine gut durchlässige Schicht aus Kies oder Schotter angeordnet werden. Darin verlegte perforierte Rohre sammeln die Bodenluft und führen sie zu einem vorbereiteten Anschluss.
Das System muss nicht zwingend von Beginn an mit einem Ventilator betrieben werden. Oft genügt es, Leitungen und einen geeigneten Austritt so vorzubereiten, dass sich später ohne umfangreiche Bauarbeiten eine aktive Absaugung ergänzen lässt. Diese Reserve ist besonders wertvoll, wenn die Messung nach dem Bezug eine unerwartet hohe Konzentration zeigt.
Der Ausblasort braucht genügend Abstand zu Fenstern, Türen, Lüftungseinlässen und häufig genutzten Aussenflächen. Andernfalls kann die abgesaugte Luft erneut ins Gebäude gelangen. Rohrdimensionierung, Leitungsführung, Kondensat und Zugänglichkeit gehören deshalb in die Fachplanung.
Bild 3:
Text:
Unter der Bodenplatte vorbereitete Rohrleitungen können radonhaltige Bodenluft sammeln und kontrolliert ableiten.
Lüftung beeinflusst den Transport der Bodenluft
Eine Lüftungsanlage beseitigt Baumängel an der erdberührten Hülle nicht. Sie kann die Radonkonzentration jedoch beeinflussen, weil sie die Druckverhältnisse und den Luftwechsel verändert. Systeme mit kontrollierter Zu- und Abluft sollten so eingestellt sein, dass im Gebäude kein dauerhafter starker Unterdruck entsteht.
Auch einzelne Abluftgeräte können die Druckverhältnisse verändern. Dazu gehören Dunstabzugshauben, Badventilatoren, zentrale Staubsauger und Ablufttrockner. Gleiches gilt für Feuerstätten, wenn ihre Verbrennungsluft nicht unabhängig von der Raumluft zugeführt wird. Die Wechselwirkungen müssen im Lüftungs- und Brandschutzkonzept berücksichtigt werden.
Ein leichter Überdruck kann das Eindringen von Bodenluft reduzieren, darf aber keine Feuchteprobleme in der Gebäudehülle verursachen. Pauschale Einstellungen sind deshalb ungeeignet. Einregulierung, Luftmengenmessung und spätere Wartung gehören zu einem funktionierenden Gesamtsystem.
Der Keller darf nicht zur Verteilzone werden
Unbeheizte Kellerräume können Radon aufnehmen und über Treppen, Schächte oder Installationszonen an höher gelegene Geschosse weitergeben. Türen zwischen Keller und Wohnbereich sollten deshalb dicht schliessen. Offene Installationsschächte sowie Leitungsdurchführungen durch Geschossdecken benötigen ebenfalls sorgfältige Abschlüsse.
Besonders wichtig ist die langfristige Nutzungsplanung. Ein zunächst als Lager deklarierter Raum kann später zum Büro, Gästezimmer oder Fitnessbereich werden. Wurde der Radonschutz nur auf die ursprüngliche Nutzung ausgelegt, entsteht bei der Umnutzung zusätzlicher Prüf- und Sanierungsbedarf.
Die bauliche Trennung ersetzt keine ausreichende Lüftung. Kellerräume brauchen ein auf Feuchte, Temperatur und Nutzung abgestimmtes Konzept. Dauerhaft gekippte Fenster sind keine verlässliche Radonmassnahme und können im Sommer zusätzliche Feuchtigkeit in kühle Untergeschosse eintragen.
Das deutschsprachige Breitbildvideo „Beratung zum Thema Radonschutz“ des Bundesamtes für Gesundheit zeigt, wie Radon in einen Keller gelangen kann und welche Schutzmassnahmen eine Radonfachperson empfiehlt.
Ausführungskontrollen verhindern verdeckte Schwachstellen
Viele entscheidende Bauteile sind nach Abschluss des Rohbaus nicht mehr sichtbar. Kontrollen müssen deshalb während der Ausführung stattfinden. Vor dem Betonieren werden Lage und Zustand von Fugenbändern, Rohrdurchführungen, Sperrschichten und Entlüftungsleitungen geprüft und dokumentiert.
Beschädigungen sind sofort mit einem zum System passenden Verfahren zu reparieren. Bauschaum oder beliebige Dichtmassen erfüllen nicht automatisch die Anforderungen an eine dauerhafte luftdichte Verbindung. Produktwechsel und improvisierte Lösungen benötigen eine fachliche Freigabe.
Eine Schlusskontrolle umfasst auch Schächte, Bodenabläufe, Pumpensümpfe und Revisionsöffnungen. Deckel müssen dicht schliessen, Anschlüsse zugänglich bleiben und vorbereitete Radonleitungen eindeutig gekennzeichnet sein. Diese Dokumentation gehört zu den Bauakten und erleichtert spätere Messungen oder Anpassungen.
Bild 4:
https://www.shutterstock.com/image-photo/radon-gas-measuring-devices-detectors-2482990679
Text:
Dosimeter erfassen die Radonbelastung über einen längeren Zeitraum und ermöglichen eine Beurteilung des Jahresmittelwerts.
Erst eine Messung bestätigt die Wirkung
Auch sorgfältig ausgeführte Neubauten sollten nach dem Bezug gemessen werden. Eine anerkannte Messung in Wohngebäuden dauert in der Regel ein Jahr, mindestens jedoch 90 Tage während der Heizperiode von Oktober bis März. Für Neubauten ist eine Messung über zwölf Monate besonders aussagekräftig, weil sie jahreszeitliche Schwankungen vollständig erfasst.
Gemessen wird in mindestens zwei getrennten Wohnräumen mit langen Aufenthaltszeiten. Geeignet sind beispielsweise Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer, vorzugsweise im tiefsten bewohnten Geschoss oder in einem Bereich mit Erdkontakt. Eine zusätzliche Messung in einem Untergeschossraum mit hohem Radonpotenzial kann weitere Hinweise liefern.
Kurzzeitmessungen erlauben lediglich eine vorläufige Einschätzung. Sie bilden den Jahresmittelwert nicht zuverlässig ab und ersetzen keine anerkannte Langzeitmessung. Für eine belastbare Beurteilung sind anerkannte Messstellen und die vorgeschriebenen Messprotokolle massgebend.
Zeigt das Ergebnis eine Überschreitung des Referenzwerts, werden Eintrittswege und Druckverhältnisse systematisch untersucht. Mögliche Massnahmen sind das Nachdichten von Fugen, eine veränderte Luftführung oder die Aktivierung der vorbereiteten Radondrainage. Der Beitrag „Radon in Wohnräumen: richtig messen, Risiken erkennen und Gebäude nachhaltig sanieren“ erläutert Messverfahren und Sanierungsmöglichkeiten ausführlich.
Radonschutz verbindet Planung, Ausführung und Kontrolle
Ein wirksames Schutzkonzept beruht auf mehreren abgestimmten Ebenen. Eine dichte Bodenplatte begrenzt den Eintritt, sorgfältige Fugen und Durchdringungen schliessen typische Schwachstellen. Eine vorsorglich vorbereitete Bodenentlüftung schafft Handlungsspielraum, während ein ausgewogenes Lüftungskonzept ungünstige Druckverhältnisse vermeidet.
Die entscheidenden Massnahmen liegen später häufig unter Bodenbelägen, Dämmungen oder Erdreich. Deshalb sind klare Verantwortlichkeiten, dokumentierte Kontrollen und eine anerkannte Messung nach Fertigstellung unverzichtbar. Radonschutz wird damit zu einem regulären Bestandteil der Bauqualität – vergleichbar mit Feuchte-, Wärme- und Schallschutz.
Bildquellen: Titelbild: Shutterstock/Jenya Smyk; Bild 1: Shutterstock/Francesco Scatena; Bild 2: Shutterstock/Sidorov_Ruslan; Bild 3: Shutterstock/D Dundee; Bild 4: Shutterstock/Gere55