Warum die Trottoirs in Thuns Oberer Hauptgasse oben liegen
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Die Obere Hauptgasse in Thun besitzt ein Strassenprofil, das selbst unter den historischen Städten der Schweiz ungewöhnlich wirkt: Auf beiden Seiten führen erhöhte Trottoirs an den Häusern entlang, während die eigentliche Gasse deutlich tiefer liegt. Diese Hochtrottoirs bilden keine nachträglich aufgesetzte Aussichtsplattform, sondern sind das Ergebnis einer jahrhundertelangen baulichen Entwicklung.
Ihre Entstehung lässt sich nicht mit einer einzigen Massnahme zweifelsfrei erklären. Die bauhistorische Forschung vermutet, dass die Gasse zur Verringerung ihrer Steigung längs abgegraben wurde. Die Hauseingänge blieben dabei auf dem früheren Niveau und mussten durch vorgezogene Geschosse, Terrassen und Treppen neu erschlossen werden. So entstand nach und nach die heute charakteristische zweigeschossige Ladenzeile.
Eine Marktgasse unterhalb des Schlossbergs
Die Obere Hauptgasse gehört zu den ältesten besiedelten Bereichen Thuns. Nachdem die Zähringer um 1190 das Schloss auf dem beherrschenden Hügel errichtet hatten, entwickelte sich darunter eine lang gezogene Marktsiedlung. Die Gasse verband den Bereich unterhalb des Schlossbergs mit dem späteren Rathausplatz.
Ihre Lage war von Anfang an anspruchsvoll. Zwischen Schlossberg und Aare stand nur begrenzt Raum zur Verfügung, zugleich musste die Gasse einen deutlichen Höhenunterschied überwinden. Die Gebäude entstanden auf schmalen Parzellen, die sich vom Strassenraum in Richtung Hang oder Fluss erstreckten.
Die heutige Form darf deshalb nicht als vollständig geplanter mittelalterlicher Entwurf verstanden werden. Häuser, Zugänge, Verkaufsflächen und Strassenniveau veränderten sich über Generationen. Was heute geschlossen und beinahe einheitlich erscheint, ist das Ergebnis zahlreicher einzelner Eingriffe.
Hochtrottoir bedeutet mehr als ein erhöhter Gehweg
Der Begriff „Hochtrottoir“ kann zunächst den Eindruck eines modernen Trottoirs vermitteln, das lediglich höher als die Fahrbahn angelegt wurde. In der Oberen Hauptgasse handelt es sich jedoch um wesentlich komplexere Bauteile. Historisch werden sie auch als Lauben, Terrassen oder hervorspringende Gassengeschosse bezeichnet.
Die erhöhten Wege liegen auf den Dächern beziehungsweise Gewölben der unteren, in die Gasse vorgeschobenen Gebäudeteile. Geschäfte und Räume befinden sich dadurch sowohl auf dem Niveau der Strasse als auch auf der oberen Ebene. Treppen verbinden beide Bereiche miteinander.
Dieses Profil schafft zwei parallele Bewegungs- und Nutzungsebenen. Unten verläuft die Gasse, während sich oben ein zweiter, den Fassaden folgender Weg öffnet. Die ungewöhnliche räumliche Wirkung entsteht somit nicht allein durch die Höhe der Trottoirs, sondern durch die Verbindung von Architektur, Erschliessung und gewerblicher Nutzung.
Die einfache Hochwassererklärung greift zu kurz
Eine verbreitete Erklärung führt die Hochtrottoirs auf Überschwemmungen zurück. Der Gedanke klingt zunächst plausibel: Thun liegt an der Aare, und ein erhöhter Zugang könnte Häuser, Waren und Menschen vor Wasser geschützt haben. Für eine alleinige Entstehung aus Gründen des Hochwasserschutzes fehlen jedoch überzeugende Belege.
Die Hochtrottoirs liegen nicht in allen Abschnitten auf einer einheitlichen, allein durch einen angenommenen Wasserstand erklärbaren Höhe. Auch ihre bauliche Verbindung mit Hauseingängen, Kellern und hervorspringenden Geschossen spricht für einen komplexeren Entwicklungsprozess.
Hochwasser und Oberflächenwasser können einzelne Entscheidungen beeinflusst haben. Die bauhistorische Forschung betrachtet sie aber nicht als ausreichende Haupterklärung. Entscheidend scheint vielmehr die Veränderung des Strassenniveaus gewesen zu sein.
Wahrscheinlich wurde die steile Gasse tiefer gelegt
Eine umfassende Untersuchung der Bauhistorikerin Ulrike Schröer vergleicht die Thuner Hochtrottoirs mit ähnlichen Strukturen in Burgdorf, Erlach und Bern. Für Thun deutet vieles darauf hin, dass die Gasse längs abgegraben wurde. Eine solche Absenkung konnte das Gefälle ausgleichen und die Passage für Wagen und den Marktverkehr erleichtern.
Wurde der Strassenkörper tiefer gelegt, blieben die bereits bestehenden Hauseingänge zunächst auf dem früheren Niveau. Zwischen der abgesenkten Gasse und den Eingängen entstand eine Höhendifferenz. Die vorgelagerten Geschosse und begehbaren Terrassen ermöglichten es, die Häuser weiterhin zu erschliessen.
Diese Erklärung macht verständlich, weshalb die erhöhten Wege unmittelbar an den Fassaden verlaufen. Sie wären demnach nicht zuerst als komfortable Trottoirs geplant worden, sondern als bauliche Antwort auf ein verändertes Niveau der Gasse. Erst durch ihre spätere Nutzung wurden sie zu den charakteristischen Laden- und Gehbereichen.
Kein einzelner Bauentscheid schuf das heutige Bild
Die Entstehung der Hochtrottoirs lässt sich mangels vollständiger Baubefunde und schriftlicher Quellen nicht bis ins letzte Detail rekonstruieren. Selbst der genaue Zeitraum bleibt unscharf. Die Forschung ordnet wesentliche Entwicklungsschritte ungefähr dem 16. und 17. Jahrhundert zu.
Das bedeutet nicht, dass sämtliche Hausbesitzer gleichzeitig identische Vorbauten errichteten. Wahrscheinlicher ist ein schrittweiser Prozess. Einzelne Parzellen wurden verändert, Nachbarhäuser übernahmen funktionierende Lösungen, und spätere Umbauten verbanden zuvor getrennte Abschnitte.
Auch unterschiedliche Bautypen dürften zusammengewirkt haben. Erhöhte Hauseingänge, Keller- und Lagerräume, Verkaufsbuden, offene Terrassen und überdeckte Bereiche wurden erweitert oder umgenutzt. Die überraschende Geschlossenheit der Gasse entstand erst über längere Zeit.
Markt und Gewerbe nutzten beide Ebenen
Die Obere Hauptgasse war nicht nur ein Verkehrsweg, sondern vor allem ein Markt- und Gewerberaum. Verkaufsstellen mussten zur Gasse hin erreichbar und für vorbeikommende Kunden sichtbar sein. Die gestaffelte Architektur bot dafür zusätzliche Flächen.
Auf dem unteren Niveau konnten Räume direkt von der Gasse aus erschlossen werden. Das Hochtrottoir führte gleichzeitig zu höher gelegenen Hauseingängen und weiteren Läden. Daraus entwickelte sich eine zweigeschossige Einkaufsstruktur, die noch heute den Charakter der Strasse bestimmt.
Die oberen Bereiche waren zeitweise stärker mit hölzernen Krambuden und anderen Einbauten besetzt. Solche Bauten boten Verkaufsraum, verdichteten aber zugleich das Erscheinungsbild. Die Gasse war historisch somit weniger eine freie Flanierzone als ein intensiv genutzter Arbeits- und Handelsraum.
1821 sollten die hölzernen Krambuden verschwinden
Mit dem aufkommenden Fremdenverkehr änderten sich im frühen 19. Jahrhundert die Vorstellungen davon, wie Thun auf Reisende wirken sollte. Ein Ratsbeschluss von 1821 verlangte von den Hauseigentümern, hölzerne Krambuden auf den Hochtrottoirs abzubrechen. Für die Entfernung wurden sogar Prämien angeboten.
Diese Massnahme zeigt, dass sich die erhöhten Bereiche zuvor wesentlich uneinheitlicher präsentierten. Erst durch Rückbauten und spätere Fassadenveränderungen trat die heute vertraute Architektur deutlicher hervor. Das historische Erscheinungsbild ist daher selbst das Resultat von Bereinigung, Anpassung und neuer Nutzung.
Der Tourismus hat die Hochtrottoirs nicht geschaffen. Er beeinflusste jedoch, welche Bestandteile erhalten, entfernt oder gestalterisch hervorgehoben wurden. Aus einer funktionalen Marktarchitektur entwickelte sich schrittweise ein städtisches Wahrzeichen.
Ähnliche Lösungen existieren auch in anderen Städten
Auf den ersten Blick erscheinen die Thuner Hochtrottoirs als städtebaulicher Sonderfall. Vergleichbare Prinzipien finden sich jedoch auch in Burgdorf, Erlach und Bern. Dort entstanden erhöhte Erschliessungswege ebenfalls im Zusammenspiel von Hanglage, veränderten Strassenniveaus, Hauseingängen und Laubengängen.
Thun unterscheidet sich durch die besondere Ausprägung der vorgelagerten Geschosse. Ein durchgehender klassischer Laubengang wie in Bern fehlt. Stattdessen bilden Terrassen, Dächer, Treppen und einzelne Überdeckungen eine eigenständige Abfolge.
Der Vergleich stützt die Vermutung, dass Niveauveränderungen mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Gassen häufiger bauliche Reaktionen an den angrenzenden Häusern auslösten. Thun ist daher weniger ein unerklärliches Kuriosum als eine besonders gut sichtbare Variante eines historischen Stadtraumtyps.
Die Gasse funktioniert bis heute auf zwei Ebenen
Die historische Struktur ist nicht zu einem reinen Museumsraum erstarrt. In der Oberen Hauptgasse liegen weiterhin Geschäfte, Gastronomiebetriebe und Hauseingänge auf unterschiedlichen Höhen. Das Nebeneinander von unterer Gasse und oberen Wegen prägt den alltäglichen Fussverkehr.
Die Stadt Thun beschreibt die Hochtrottoirs ausdrücklich als zweigeschossige Einkaufsstruktur. Damit bleibt die ursprüngliche Verbindung von Erschliessung und Handel ablesbar. Die erhöhten Bereiche sind nicht bloss Fassadenschmuck, sondern weiterhin nutzbare Teile der Gebäude und des öffentlichen Raums.
Gerade diese fortgesetzte Nutzung trägt zum Denkmalwert bei. Ein historisches Strassenprofil lässt sich besser verstehen, wenn seine Ebenen weiterhin begangen und seine Räume verwendet werden. Zugleich stellt die Struktur Anforderungen an Unterhalt, Zugänglichkeit und Sicherheit.
Erhalten bedeutet auch weiterentwickeln
Hochtrottoirs bestehen aus zahlreichen Bauteilen unterschiedlicher Epochen. Tragwerke, Gewölbe, Treppen, Beläge, Brüstungen, Dächer und Fassaden müssen unterhalten werden, ohne die ablesbare historische Entwicklung zu vereinheitlichen oder zu überformen.
Veränderungen an einem Gebäude können zugleich den öffentlichen Weg und das Erscheinungsbild der gesamten Gasse betreffen. Denkmalpflege, Eigentümer, Gewerbe und Stadtplanung müssen deshalb zusammenarbeiten. Auch technische Anforderungen wie Entwässerung, Beleuchtung und Absturzsicherung verlangen zurückhaltende Lösungen.
Der BELMEDIA-Beitrag „Kanton Bern erleben: Bundesstadt, Seen, Genuss und alpine Ferienwelten“ ordnet Thuns Altstadt, die erhöhte Hauptgasse und das Schloss in die vielfältige Bau- und Kulturlandschaft des Kantons ein.
Barrierefreiheit bleibt eine besondere Aufgabe
Treppen und Niveauunterschiede gehören zum Wesen der Oberen Hauptgasse, erschweren aber den Zugang für Menschen mit eingeschränkter Mobilität, Kinderwagen oder schwerem Gepäck. Nicht jede historische Stufe lässt sich entfernen, ohne Originalsubstanz und Raumwirkung zu beeinträchtigen.
Verbesserungen müssen deshalb das gesamte Wegenetz betrachten. Zugänge über das untere Gassenniveau, alternative Hauseingänge, Handläufe, kontrastreiche Stufenkanten und verständliche Hinweise können einzelne Hindernisse reduzieren. Entscheidend ist, dass erreichbare Wege tatsächlich zusammenhängend funktionieren.
Die Herausforderung zeigt, weshalb historische Stadträume nicht nur bewahrt, sondern laufend vermittelt und angepasst werden müssen. Gute Lösungen respektieren die gewachsene Struktur und schaffen zugleich möglichst viele nutzbare Zugänge.
Das vermeintliche Kuriosum erzählt Stadtgeschichte
Die Hochtrottoirs erklären sich nicht durch eine einzelne geniale Planung und ebenso wenig durch eine gesicherte Hochwasserschutzmassnahme. Wahrscheinlich entstanden sie, weil das Niveau der steilen Marktgasse verändert wurde und die höher liegenden Häuser weiterhin erschlossen werden mussten.
Aus dieser praktischen Aufgabe entwickelte sich eine zusätzliche Handels- und Bewegungsebene. Spätere Umbauten, Krambuden, Rückbauten und touristisch geprägte Verschönerungen formten das heutige Erscheinungsbild. Jede Epoche hinterliess dabei eigene Spuren.
Gerade die verbleibenden Unsicherheiten machen die Obere Hauptgasse historisch interessant. Sie erinnert daran, dass Städte selten nach einem einzigen Plan entstehen. Häufig wachsen ihre ungewöhnlichsten Merkmale aus vielen kleinen Entscheidungen, deren Zusammenspiel erst Jahrhunderte später als unverwechselbare Besonderheit wahrgenommen wird.
Thuns ungewöhnlichste Strasse bleibt lebendig
Die Obere Hauptgasse verbindet mittelalterliche Stadtgründung, frühneuzeitliche Umbauten, Marktgeschichte und heutigen Detailhandel. Ihre Hochtrottoirs machen sichtbar, wie sich eine Stadt an schwierige Topografie und veränderte Verkehrsbedürfnisse anpassen konnte.
Heute gelten die erhöhten Wege als Wahrzeichen und beliebtes Fotosujet. Ihre eigentliche Bedeutung reicht jedoch weiter: Sie dokumentieren die Entwicklung einer Marktgasse, deren Häuser und öffentlicher Raum über Jahrhunderte gemeinsam verändert wurden.
Weitere Einblicke in Thun und die historische Seenlandschaft bietet der BELMEDIA-Beitrag „Kanton Bern im Porträt: Sehenswürdigkeiten, Natur, Wirtschaft und Ausflugsziele“. Die Hochtrottoirs stehen darin für eine Stadt, deren besondere Identität aus Architektur, Wasserlage und gewachsener Nutzung hervorgeht.
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