Als Thun Industriestadt war: Die verschwundene Arbeitswelt an der Aare
von belmedia Redaktion Allgemein Alltag architektenwelt.com Bauwerke Bern Denkmalpflege denkmalpflege-schweiz.ch Denkmalschutz Konzeption Kultur nachrichtenticker.ch News Schweiz Thun Tipps
Heute prägen Altstadt, Schloss, See und Alpenpanorama das Bild von Thun. Doch zwischen Aare, Bahnlinie und Allmend lag über Jahrzehnte eine andere Stadt: laut, heiss und von Metallwerken, Militärbetrieben, Werkhallen und Tausenden Arbeitsplätzen bestimmt.
Die Industrialisierung veränderte nicht nur das Stadtbild, sondern auch den Alltag ganzer Familien. Schichtwechsel, Fabriksirenen und Güterzüge gaben den Takt vor, während Giessereien, Walzwerke und Verpackungsbetriebe Thun mit nationalen und internationalen Märkten verbanden.
Der Eisenbahnanschluss leitete ein neues Zeitalter ein
Mit dem Eisenbahnanschluss von 1859 verbesserten sich die Voraussetzungen für grössere Produktionsbetriebe erheblich. Rohstoffe, Maschinen und fertige Waren konnten schneller und günstiger transportiert werden. Gleichzeitig rückten Bern und andere Wirtschaftszentren näher, während neue Arbeitsplätze vermehrt in den Städten entstanden.
Thun entwickelte sich nicht so explosionsartig wie einige grosse Schweizer Industriestädte. Dennoch entstand ab den 1860er-Jahren eine aussergewöhnlich starke Verbindung zwischen Militär, Metallverarbeitung und Maschinenbau. Im Jahr 1911 entfielen bereits etwa 1’500 Arbeitsplätze auf die Industrie, was ungefähr einem Viertel bis knapp einem Drittel aller Stellen in der Stadt entsprach.
Eine Schlüsselrolle spielten die 1863 gegründeten eidgenössischen Militärbetriebe. Auf der Allmend entstanden Produktions- und Verwaltungsgebäude, Werkstätten sowie Anlagen für die Herstellung und Weiterentwicklung von Munition. Das grossflächige Areal lag abseits der historischen Altstadt und formte einen eigenen, funktional organisierten Teil Thuns.
Die Militärbetriebe waren nicht nur selbst bedeutende Arbeitgeber. Ihre Aufträge zogen Zulieferer an, förderten technisches Wissen und schufen einen Markt für spezialisierte Betriebe. Aus dieser Konstellation gingen zwei Namen hervor, die für Thuns Industriegeschichte besonders wichtig wurden: Hoffmann und Selve.
Hoffmann begann mit einer Ladehilfe für Armeegewehre
Der aus Österreich stammende Unternehmer Eduard Johann Hoffmann entwickelte eine Patronenladeschachtel für das damals eingeführte Armeegewehr. Im Jahr 1890 erwarb er im Aarefeld eine ehemalige Fabrikliegenschaft und richtete dort die Produktion ein. Damit entstand ein Unternehmen, dessen weitere Entwicklung eng mit der industriellen Geschichte Thuns verbunden blieb.
Als die Armee die Ladeschachteln ab 1897 selbst herstellte, musste Hoffmann sein Geschäftsmodell verändern. Der Betrieb konzentrierte sich fortan auf bedruckte Verpackungen aus Karton und Blech. Diese Neuorientierung erwies sich als erfolgreich und erschloss Kundschaft ausserhalb des militärischen Bereichs.
Die Zahl der Beschäftigten stieg von ungefähr 60 im Jahr 1895 auf fast 100 im Jahr 1910. Um 1940 arbeiteten bereits mehr als 500 Personen für das Unternehmen. Produktionshallen, Lager, Verwaltung und Transportwege bildeten eine Arbeitswelt, die sich wesentlich von den touristischen Bildern der Stadt unterschied.
Ab 1963 verlagerte Hoffmann die Produktion schrittweise in ein neues Betriebsgebäude im Gwatt. Der Umzug war 1988 abgeschlossen. Das Unternehmen entwickelte sich später als Hoffmann Neopac weiter und zeigt damit, dass nicht jede Thuner Industrietradition vollständig verschwand, sondern sich teilweise technisch und organisatorisch wandelte.
Selve machte Thun zu einem Zentrum der Metallverarbeitung
Noch grösseren Einfluss auf das industrielle Thun hatte Gustav Selve. Der deutsche Unternehmer unterhielt bereits Geschäftsbeziehungen zur Eidgenössischen Munitionsfabrik und gründete 1895 die Schweizerischen Metallwerke Selve. Ausgangspunkt war das ehemalige Elektrizitätswerk zwischen Aare und Bahnlinie.
Der Betrieb begann mit einer kleinen Belegschaft, wuchs jedoch rasch. Im Jahr 1905 beschäftigte Selve bereits ungefähr 200 Arbeiter. Während des Ersten Weltkriegs stieg die Beschäftigtenzahl aufgrund der stark wachsenden Produktion auf rund 1’000 Personen.
In der Giesserei wurden Rohmetalle eingeschmolzen und zu Legierungen verarbeitet. Walzen, Pressen, Drahtzüge und Stanzen formten das Material anschliessend zu Blechen, Stangen, Drähten und verschiedenen Halbfabrikaten. Neben Bestandteilen für die Munitionsproduktion stellte das Unternehmen unter anderem Telegrafen- und Telefondrähte sowie Produkte aus Buntmetall und Aluminium her.
Hitze, Lärm und schwere körperliche Arbeit
Die industrielle Arbeit war körperlich anspruchsvoll und mit erheblichen Belastungen verbunden. Besonders in Giessereien und Walzwerken herrschten hohe Temperaturen. Beschäftigte mussten schwere Werkstücke bewegen, Maschinen überwachen und auf Störungen reagieren, während Lärm und Metallstaub zum Arbeitsalltag gehörten.
Maschinen ersetzten zwar einzelne Handgriffe, schufen aber neue Abhängigkeiten. Der Produktionsrhythmus richtete sich zunehmend nach technischen Anlagen und Aufträgen. Ein Stillstand konnte ganze Arbeitsabläufe unterbrechen, während Fehler an Walzen, Pressen oder Ziehmaschinen erhebliche Schäden verursachen konnten.
Die industrielle Belegschaft war keine einheitliche Gruppe. Neben ausgebildeten Fachkräften arbeiteten zahlreiche angelernte Beschäftigte in Produktion, Transport und Lager. Hinzu kamen Büroangestellte, Werkmeister, Techniker und Personen, die Maschinen instand hielten oder Werkzeuge anfertigten.
Während des Zweiten Weltkriegs arbeiteten zeitweise bis zu 1’400 Menschen bei Selve. Nach 1946 beschäftigte das Unternehmen zunehmend ausländische Arbeitskräfte. Migration wurde damit zu einem festen Bestandteil der Thuner Industriegeschichte und beeinflusste Wohnquartiere, Schulen, Vereine und das gesellschaftliche Leben.
Die Fabrik bestimmte den Tagesrhythmus
Arbeitsbeginn und Schichtwechsel strukturierten den Tag weit über das Fabrikareal hinaus. Zu bestimmten Zeiten bewegten sich grosse Gruppen zu Fuss oder mit dem Fahrrad zwischen Wohnungen, Bahnhof und Werkstoren. Gastwirtschaften, kleine Geschäfte und Dienstleistungsbetriebe passten sich an diese Rhythmen an.
Der Lohn aus den Fabriken sicherte vielen Familien ein regelmässigeres Einkommen als saisonale Tätigkeiten. Gleichzeitig blieb die Abhängigkeit vom Betrieb gross. Kurzarbeit, Rationalisierungen oder eine Werksschliessung konnten nicht nur einzelne Angestellte, sondern ganze Haushalte und Quartiere treffen.
Zum Fabrikleben gehörten auch Betriebskrankenkassen, Personalfürsorge und betriebliche Gemeinschaften. Solche Einrichtungen konnten Sicherheit schaffen, banden Beschäftigte jedoch zugleich stärker an das Unternehmen. Berufliche und private Lebensbereiche lagen häufig näher beieinander als in der heutigen Arbeitswelt.
Arbeitskämpfe machten soziale Spannungen sichtbar
Das schnelle Wachstum der Industrie brachte Konflikte über Löhne, Arbeitszeiten und betriebliche Machtverhältnisse mit sich. Im November und Dezember 1905 erlebte Selve den grössten Streik der Thuner Geschichte ausserhalb des Landesstreiks von 1918. Rund 250 Beschäftigte aus dem Walzwerk und weiteren Abteilungen beteiligten sich.
Nach einer Versammlung im Hotel Emmenthal zog ein Demonstrationszug mit ungefähr 1’000 Arbeitern und Unterstützenden durch die Stadt. Die Auseinandersetzung wurde nicht nur im Betrieb geführt, sondern auch über Zeitungen und politische Institutionen. Damit wurde sichtbar, wie stark industrielle Konflikte inzwischen die gesamte Stadtgesellschaft berührten.
Ende Dezember kam eine Einigung zustande. Die Firma bewilligte eine Lohnerhöhung, versprach die Einrichtung einer Betriebskrankenkasse und stimmte einer Neuregelung der Arbeitszeiten zu. Auch die Werksleitung wurde verändert.
Im Juli 1936 kam es erneut zu einem Arbeitskampf. Rund 600 Beschäftigte wehrten sich gegen Lohnsenkungen und erzielten nach drei Tagen einen Kompromiss. Solche Ereignisse gehören ebenso zur Industriegeschichte wie Maschinen, Produkte und Fabrikgebäude, denn sie zeigen den langen Weg zu geregelteren Arbeitsbedingungen.
Nicht nur Metall: Möbel und weitere Gewerbezweige
Obwohl Metall- und Rüstungsbetriebe das industrielle Profil dominierten, gab es weitere Produktionszweige. Friedrich Zwahlen entwickelte sein 1866 eröffnetes Möbelgeschäft im Bälliz zu einem Fabrikbetrieb. Zeitweise arbeiteten dort bis zu 45 Personen an Bettwaren und Möbeln für Hotels, Spitäler und Heime in der ganzen Schweiz.
Eine eigene Wasserturbine versorgte die Maschinen ab 1895 mit Energie. Der Standort an der Aare war deshalb nicht nur für Transport und räumliche Entwicklung interessant, sondern auch für die Energieversorgung. Die Möbelfertigung endete 1972, das Fabrikgebäude wurde wenige Jahre später abgebrochen.
Das Beispiel zeigt, wie vollständig eine Arbeitswelt verschwinden kann. Werden Gebäude entfernt, Maschinen verschrottet und Firmenarchive zerstreut, bleiben oft nur Fotografien, Briefköpfe, Werbeanzeigen und persönliche Erinnerungen. Industriegeschichte muss deshalb aus vielen kleinen Spuren rekonstruiert werden.
Expansion nach Uetendorf und Rationalisierung
Das Selve-Areal zwischen Aare und Bahnlinie bot kaum noch Platz für weitere Erweiterungen. Das Unternehmen kaufte deshalb 1950 Industrieland in Uetendorf und errichtete dort ein Walzwerk sowie zusätzliche Betriebsräume. Produktion und Arbeitswege verlagerten sich damit teilweise aus der Kernstadt.
Ab den 1960er-Jahren setzte eine verstärkte Rationalisierung ein. Modernere Anlagen ermöglichten höhere Produktionsmengen mit weniger Personal. Was betriebswirtschaftlich als Fortschritt galt, bedeutete für die Belegschaft einen tiefgreifenden Wandel: Erfahrungswissen verlor teilweise an Bedeutung, Tätigkeiten wurden neu organisiert und Stellen abgebaut.
Die Wirtschaftskrise der 1970er-Jahre verschärfte den Druck. Selve wurde 1977 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und 1979 vom Financier Werner K. Rey übernommen. Im Jahr 1986 folgte die Zusammenführung mit den Metallwerken in Reconvillier und Dornach zur Schweizerischen Metallwerke AG.
Die Schliessung beendete eine Epoche
Im Jahr 1991 fiel der Entscheid, den Standort Thun aufzugeben. Bis 1993 verschwanden damit ungefähr 430 Industriearbeitsplätze. Für viele Betroffene endete nicht nur ein Anstellungsverhältnis, sondern eine berufliche Lebenswelt, die über Generationen hinweg Identität und Zugehörigkeit geschaffen hatte.
Die Folgen einer Werksschliessung reichen über die unmittelbar Beschäftigten hinaus. Zulieferer verlieren Aufträge, Gastwirtschaften und Geschäfte Kundschaft, während Gemeinden mit brachliegenden Flächen und unsicheren Entwicklungsperspektiven konfrontiert werden. Gleichzeitig verlieren Maschinen, Hallen und Verkehrswege ihre ursprüngliche Funktion.
Das Ende der Produktion bedeutete jedoch nicht das sofortige Verschwinden des Areals. In den alten Gebäuden entstanden Zwischennutzungen, Ateliers, Veranstaltungsorte und eine weithin bekannte Ausgeh- und Kulturszene. Die industrielle Hülle erhielt dadurch eine neue Bedeutung, auch wenn diese mit der früheren Arbeitswelt nur noch indirekt verbunden war.
Was vom Industriezeitalter erhalten blieb
Nur ein Teil der historischen Bausubstanz überdauerte die Umgestaltung des Selve-Areals. Einzelne Hallen, bauliche Fragmente und der ehemalige Hochkamin erinnern an die industrielle Nutzung. Wer das Quartier heute ohne Vorwissen besucht, erkennt jedoch kaum noch, wie gross und dicht das Werk einst war.
Erhaltene Industriegebäude ermöglichen einen räumlichen Zugang zur Geschichte. Raumhöhe, Tragwerke, grosse Fenster und robuste Materialien verraten, dass diese Bauten für Maschinen, Lasten und Produktionslinien geschaffen wurden. Der BELMEDIA-Beitrag über die Erhaltung technischer Kulturgüter in Schweizer Städten erläutert, weshalb solche Anlagen mehr als alte Fabrikhüllen sind.
Eine Umnutzung verlangt dennoch sorgfältige Entscheidungen. Altlasten, Brandschutz, Tragwerk, Energieverbrauch und neue Erschliessungen müssen geprüft werden. Der Beitrag über die Chancen und Grenzen ehemaliger Industriegebäude zeigt, wie stark neue Nutzungen von der vorhandenen Gebäudestruktur abhängen.
Video: Arbeiter in der Selve kurz vor der Schliessung
Historische Filmaufnahmen vermitteln einen Eindruck, den Grundrisse und Produktionszahlen allein nicht geben können. Bewegungen an den Maschinen, Schutzkleidung, Geräusche und räumliche Distanzen lassen erkennen, wie unmittelbar die Menschen in den Produktionsprozess eingebunden waren.
Das Video „Selve 1992“ entstand kurz vor der endgültigen Stilllegung des Thuner Werks. Es dokumentiert Beschäftigte bei der Arbeit und bewahrt damit einen seltenen Blick auf eine industrielle Alltagswelt, die wenig später nicht mehr existierte.
Industriegeschichte ist vor allem Sozialgeschichte
Eine ausschliessliche Betrachtung von Firmen, Gebäuden und Produktionszahlen greift zu kurz. Hinter jeder Maschine standen Menschen, deren Gesundheit, Einkommen und Familienalltag vom Betrieb abhingen. Ihre Erfahrungen reichten von beruflichem Stolz und technischer Meisterschaft bis zu Erschöpfung, Unsicherheit und Arbeitskampf.
Viele dieser Erinnerungen sind nur in privaten Fotoalben, Arbeitszeugnissen, Vereinschroniken oder mündlichen Erzählungen erhalten. Stadtarchive und historische Sammlungen sichern deshalb nicht nur Verwaltungsakten, sondern auch Fotografien, Pläne, Firmendokumente und Zeitungsberichte. Erst das Zusammenspiel dieser Quellen macht die verschwundene Arbeitswelt nachvollziehbar.
Auch die Rolle der Frauen gehört zu dieser Geschichte. Sie arbeiteten in Produktion, Verpackung, Kontrolle, Reinigung und Verwaltung oder hielten Familienhaushalte unter den Bedingungen von Schichtarbeit und knappen Einkommen zusammen. In offiziellen Firmendarstellungen blieben solche Tätigkeiten häufig weniger sichtbar als technische Anlagen und männlich geprägte Fachberufe.
Das moderne Thun trägt die Industriezeit weiter
Thun hat sich von einem stark durch Militär- und Metallbetriebe geprägten Produktionsstandort zu einer vielfältigeren Dienstleistungs-, Wohn- und Tourismusstadt entwickelt. Dennoch folgen Strassen, Arealgrenzen und einzelne Gebäude weiterhin den Strukturen des Industriezeitalters. Auch der Entwicklungsschwerpunkt Thun Nord knüpft räumlich an diese Vergangenheit an.
Die verschwundene Arbeitswelt an der Aare ist deshalb kein abgeschlossenes Kapitel. Sie wirkt in der Stadtplanung, in Unternehmensgeschichten und in den Biografien ehemaliger Beschäftigter weiter. Wo heute Wohnungen, Büros, Kulturangebote und öffentliche Räume liegen, befanden sich einst Werkstore, Lagerplätze und Produktionslinien.
Industriekultur wird lebendig, wenn diese Schichten sichtbar bleiben. Ein erhaltener Kamin, eine Werkhalle oder eine alte Maschine kann den Ausgangspunkt bilden, doch entscheidend sind die dazugehörigen Geschichten. Sie erinnern daran, dass Thun nicht nur Markt-, Militär- und Tourismusstadt war, sondern über Jahrzehnte auch eine bedeutende Industriestadt des Berner Oberlands.
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