EU-weites Nerzverbot könnte Pelztierzucht und Leid von Millionen Tieren beenden
von belmedia Redaktion Allgemein Haustiere Natur & Umwelt News Nutztiere tierwelt.news Wildtiere
EU-Listung des Amerikanischen Nerzes könnte Pelztierzucht von Millionen Tieren beenden
Die Europäische Union hat den Amerikanischen Nerz (Neogale vison) in die Unionsliste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung aufgenommen – ein Schritt, der ein faktisches Verbot der Nerzpelzzucht in der EU bedeuten könnte.
Die Tierschutzorganisation Humane World for Animals Europe (ehemals Humane Society International) warnt jedoch, dass die Zucht weitergeführt werden könnte, wenn die Europäische Kommission Ausnahmen zulässt und damit das Verbot untergräbt.
Die Organisation hat sich schriftlich an die Kommission gewandt und gefordert, vor der Vorlage eines legislativen Vorschlags im Zuge der Europäischen Bürgerinitiative (EBI) keine Ausnahmen zu erlauben.
Diese Petition mit 1,5 Millionen Unterschriften fordert ein EU-weites Verbot aller Formen der Pelztierzucht.
Die Kommission hat angekündigt, entsprechende Gesetzesoptionen zu prüfen, und will voraussichtlich bis März 2026 einen Vorschlag vorlegen – möglicherweise ein entscheidender Schritt hin zu einem umfassenden Verbot.
Dr. Joanna Swabe, Senior Director Public Affairs bei Humane World for Animals Europe, sagt:
«Die Aufnahme des Amerikanischen Nerzes in die Unionsliste invasiver Arten sendet ein starkes Signal: Die ökologischen und ethischen Kosten der Nerzzucht sind nicht länger tragbar. Das sollte den Mitgliedstaaten eine klare rechtliche Grundlage geben, um Nerzfarmen zu schliessen. Allerdings besteht die Gefahr, dass einzelne Länder an der Pelzzucht festhalten und versuchen, das Verbot zu umgehen. Die Priorität der Kommission muss es daher sein, dem Willen von über 1,5 Millionen Bürger zu folgen und ein dauerhaftes EU-weites Verbot der Pelztierzucht aus ethischen, ökologischen und tierschutzrechtlichen Gründen auf den Weg zu bringen.»
Gemäss der Verordnung (EU) 1143/2014 sind die Mitgliedstaaten verpflichtet, die Zucht, den Verkauf, die Haltung, den Transport und die Freisetzung des Amerikanischen Nerzes zu untersagen.
Gleichzeitig sollen betroffene Pelztierhalter beim Ausstieg aus der Branche unterstützt werden – etwa durch Entschädigungen, Umschulungen oder Programme zur beruflichen Neuorientierung.
Während das Verbot den Ausstieg in Ländern wie Spanien beschleunigen könnte – das bereits angekündigt hat, die Branche im Rahmen der Biodiversitätsstrategie zu beenden – könnten andere Länder wie Dänemark, Griechenland oder Finnland versuchen, durch Ausnahmeregelungen weiterzumachen.
Als der Marderhund 2019 in die Unionsliste aufgenommen wurde, nutzten Finnland und Polen eine entsprechende Ausnahmeregelung und erhielten die Genehmigung, die Pelzzucht 30 weitere Jahre fortzuführen – trotz bekannter ökologischer Schäden.
Dr. Swabe erklärt weiter:
«Da ein unionsweites Verbot der Pelztierzucht in greifbare Nähe rückt, appellieren wir an die Kommission, bis zur Vorlage ihrer Gesetzesinitiative keine Genehmigungen für Ausnahmen zu erteilen. Eine voreilige Genehmigung würde nicht nur den Geist der EU-Umweltgesetzgebung untergraben, sondern auch dazu führen, dass Pelztierfarmen kostspielige Umbauten wie neue Zäune und Überwachungssysteme vornehmen – und das für eine Branche, die wirtschaftlich ohnehin am Ende ist. Das wäre eine Verschwendung öffentlicher Mittel, würde Tierleid verlängern und Umweltschäden fortsetzen. Die Kommission sollte das Ende der Pelztierindustrie nicht hinauszögern – und dem Leid ein Ende setzen.»
Hintergrund: Amerikanischer Nerz in Europa
Der Amerikanische Nerz stammt ursprünglich aus Nordamerika und wurde im frühen 20. Jahrhundert nach Europa gebracht – zunächst für die Pelztierzucht, teils auch gezielt für die Jagd freigesetzt.
Millionen Tiere entkamen im Laufe der Jahrzehnte aus Zuchtanlagen und bildeten verwilderte Populationen, die heimische Arten wie Wasservögel, Amphibien, Kleinsäuger und Fische gefährden.
Auch der vom Aussterben bedrohte Europäische Nerz leidet unter dem Konkurrenzdruck und ist weiter auf dem Rückzug.
Trotz sinkender Nachfrage und wachsender Ablehnung in der Bevölkerung werden in der EU weiterhin rund 6 Millionen Amerikanische Nerze gehalten – insbesondere in Polen, Spanien, Finnland und Griechenland.
Die Branche ist dort stark rückläufig (Stand 2024).
Inzwischen haben 22 europäische Länder, darunter 16 EU-Mitgliedstaaten, die Pelztierzucht verboten – etwa Estland, Lettland, Litauen oder Rumänien.
In Deutschland und Schweden gibt es keine aktiven Pelztierfarmen mehr.
Die erfolgreiche Europäische Bürgerinitiative «Fur Free Europe» hat dazu geführt, dass die EU-Kommission gesetzgeberische Schritte prüft, um den Ausstieg aus der Pelztierzucht zu regeln.
Der Prozess sieht mehrere Etappen vor:
Im Sommer 2025 ist ein öffentlicher «Call for Evidence» geplant, bei dem Bürger, NGOs, Mitgliedstaaten und Industrie ihre Stellungnahmen abgeben können.
Zusätzlich wird die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) im Juli 2025 eine wissenschaftliche Bewertung zur Haltung von Pelztieren vorlegen.
Auf dieser Grundlage soll die Kommission bis März 2026 einen Gesetzesvorschlag erarbeiten – mit dem Ziel, Zucht und Handel mit Pelztierprodukten EU-weit zu beenden.
Quelle: Humane World for Animals
Bildquelle: Humane World for Animals/Kristo Muurimaa