Ziesel: Europas vergessene Erdhörnchen – jetzt Nachwuchs im Tierpark Bern erleben
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Im Tierpark Bern ist der Frühling 2026 mit einer wahren Tierbabywelle angebrochen: Wolfswelpen, Elch-Zwillinge, Luchsjunge und viele weitere Neuankömmlinge beleben das Dählhölzli.
Unter den Neuzugängen sind auch die Ziesel – kleine Erdhörnchen, die kaum jemand kennt, dabei aber zu den faszinierendsten und gleichzeitig am stärksten gefährdeten Tieren Europas gehören. Ein Besuch lohnt sich: Denn wer das Ziesel einmal beobachtet hat, vergisst es nicht so schnell.
Viele Besucherinnen und Besucher des Dählhölzli gehen an der Zieselanlage vorbei, ohne zu wissen, was sie da eigentlich sehen. Ein kleines, erdbraunes Nagetier, das aufrecht auf seinen Hinterbeinen steht und wachsam in die Runde schaut – wie ein Mini-Murmeltier, nur neugieriger. Was wie ein unscheinbares Tier wirkt, ist in Wirklichkeit ein Tier mit einer bemerkenswerten Geschichte: Das Europäische Ziesel ist in weiten Teilen seines ursprünglichen Verbreitungsgebiets verschwunden – und der Tierpark Bern ist einer der wenigen Orte, wo man es noch beobachten kann.
Was ist ein Ziesel?
Das Europäische Ziesel (Spermophilus citellus), auch Schlichtziesel genannt, ist ein bodenbewohnendes Nagetier aus der Familie der Hörnchen. Es sieht aus wie eine Kreuzung aus Erdhörnchen und Murmeltier – mit einem kurzen, stämmigen Körper von 18 bis 22 Zentimetern Länge, sandfarben-gelbgrauem Fell, sehr kurzen Ohren und hellumrandeten Augen. Auffällig: die Augen liegen hoch am Kopf, was ihm einen fast ständig überraschten Ausdruck verleiht.
Sein Name verrät seine Vorliebe: Spermophilus leitet sich vom griechischen spermatos (Same) und phileo (Liebe) ab – das Ziesel liebt Samen. Es ernährt sich als Allesfresser hauptsächlich von Pflanzen, Getreide, Wurzeln und Samen, gelegentlich auch von Insekten und kleinen Wirbellosen. Was es besonders macht: Es lagert keine Vorräte ein – alles, was es frisst, wird direkt über der Erde verspeist.
In der Schweiz kommt das Europäische Ziesel in der Wildnis nicht vor. Sein natürliches Verbreitungsgebiet beschränkt sich auf Südosteuropa – von Tschechien und Österreich über Ungarn und Rumänien bis nach Bulgarien, Griechenland und der Türkei. Damit ist das Dählhölzli in Bern einer der wenigen Orte in der Schweiz, wo man dieses aussergewöhnliche Tier überhaupt erleben kann.
Der Winterschlaf: Ein Rekord im Tierreich
Das vielleicht Erstaunlichste am Ziesel ist sein Winterschlaf. Es gehört zu den wenigen Säugetieren Europas, die einen echten, tiefen Winterschlaf halten – und das in beeindruckendem Ausmass. Von September bis März, also etwa sechs Monate lang, zieht sich das Ziesel in seinen selbst gegrabenen Erdbau zurück. Während des Winterschlafs sinkt seine Körpertemperatur auf wenige Grad über dem Gefrierpunkt, Herzschlag und Atemfrequenz reduzieren sich drastisch. Das Tier lebt ausschliesslich von seinen angefressenen Fettreserven.
Für Kinder und Erwachsene gleichermassen faszinierend: Das Ziesel wacht in dieser Zeit nicht einmal auf. Es friert regelrecht ein – und erwacht im Frühling wie neu geboren. Im Tierpark Bern sind die Ziesel deshalb nur von März bis September zu beobachten.
Das Sozialleben: Kolonie ohne echte Gemeinschaft
Ziesel leben in sogenannten Kolonien – aber anders als man es sich vorstellt. Laut dem Nationalpark Donau-Auen bestehen zwischen den einzelnen Tieren eher geringe soziale Bindungen. Man kann deshalb nicht von einer echten Kolonie mit gemeinsamem Leben sprechen. Jedes Tier gräbt seinen eigenen Bau – entweder einen einfachen Fluchttunnel oder einen komplexen Nestbau mit mehreren Röhren für die Aufzucht der Jungen und den Winterschlaf.
Was sie verbindet, ist das gemeinsame Warnsystem: Ziesel richten sich regelmässig auf ihre Hinterbeine auf – das charakteristische Männchen-Machen – um einen besseren Überblick über die Umgebung zu gewinnen. Entdeckt ein Tier eine Gefahr, gibt es einen schrillen Pfiff ab. Der Alarm pflanzt sich blitzschnell durch die ganze Kolonie fort – jedes Tier verschwindet sofort in seinem Bau.
Nachwuchs im Dählhölzli: Etwa 20 Jungtiere im Frühling 2026
Der Tierpark Bern meldet für den Frühling 2026 erfreulichen Ziesel-Nachwuchs. Laut der offiziellen Meldung des Tierparks haben die Ziesel im April Junge bekommen – etwa 20 Jungtiere sorgen derzeit für Action und Unterhaltung in der Anlage. Bei der Geburt wiegen die kleinen Nagetiere ca. 10 Gramm. Etwa vier Wochen alt sind die Jungtiere, wenn sie erstmals ihre Höhlen verlassen und ihre Umgebung erkunden. Wer jetzt das Dählhölzli besucht, kann die Jungen dabei beobachten, wie sie Männchen machen, um einen besseren Überblick zu gewinnen oder eifrig auf Futtersuche gehen.
Die Lebenserwartung des Europäischen Ziesels liegt bei 6 bis 11 Jahren. Weibchen bringen einmal jährlich im Frühling drei bis acht Jungtiere zur Welt, die anschliessend ausschliesslich von der Mutter aufgezogen werden.
Vom Tierpark in die tschechische Steppe: Ein Artenschutzprojekt mit Berner Beteiligung
Das Ziesel im Dählhölzli ist mehr als ein Ausstellungstier – es ist Teil eines ernsthaften internationalen Artenschutzprojekts. Der Tierparkverein Bern berichtet: Am 16. Juli 2024 wurden 15 Schlichtziesel in die tschechische Steppe und Heiden des Odolický vrch entlassen, um dort eine neue Population zu gründen. Unter den Berner Tieren befanden sich zehn Jungtiere des Jahrgangs 2024 sowie fünf erwachsene Tiere – alle im Tierpark Bern geboren und aufgewachsen.
Die Auswilderung erfolgte mit der sogenannten Soft-Release-Methode: Vorgegrabene Baue, geschützte Eingewöhnungszonen und gezielte Anreize zur eigenen Höhlenbildung sollten den Tieren den Start in der Wildnis erleichtern. Die Berner Ziesel, die im Frühling 2026 Junge bekommen haben, kommen laut Bernerzeitung ebenfalls für zukünftige Auswilderungen in Tschechien in Frage.
Warum das Ziesel so stark gefährdet ist
Das Europäische Ziesel steht auf der Roten Liste der IUCN als „gefährdet» (VU) und geniesst in der EU strengsten Schutz gemäss der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (Anhänge II und IV). Der Grund für den starken Rückgang ist eindeutig: Massive Landschaftsumgestaltungen in den letzten Jahren haben die Ziesel-Populationen europaweit stark zurückgehen lassen. Die Ziesel haben grosse Teile ihrer ehemaligen Lebensräume für immer verloren. Die verbliebenen Populationen sind zudem stark fragmentiert, wodurch häufig kein genetischer Austausch mehr möglich ist.
Das Ziesel braucht offene, steppenartige Flächen mit niedrigem Grasbewuchs – Trockenrasen, Brachen, Ackerraine. Solche Lebensräume sind in Mitteleuropa selten geworden. Ironischerweise findet man das Ziesel heute manchmal auf Golfplätzen, Fussballfeldern oder Flugplatzbereichen – überall dort, wo der Rasen kurz gehalten wird und die Erde für Erdbaue geeignet ist.
Tierpark Bern besuchen: So findet man die Ziesel
Der Tierpark Bern – bestehend aus dem Dählhölzli und dem BärenPark – liegt direkt an der Aare, nur wenige Minuten vom Berner Hauptbahnhof entfernt. Er ist einer der schönsten und naturnahsten Zoos der Schweiz und kombiniert einheimische Wildtiere mit europäischen Tierarten. Der Eintritt ist für Kinder unter 6 Jahren kostenlos, für Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre stark vergünstigt.
Die Zieselanlage befindet sich im Dählhölzli-Teil des Parks. Die beste Beobachtungszeit ist an sonnigen Vormittagen, wenn die Tiere am aktivsten sind. Wer Glück hat, sieht die Jungtiere beim ersten Erkunden der Welt – ein Erlebnis, das besonders für Kinder unvergesslich ist.
- Adresse: Tierparkweg 1, 3005 Bern
- Öffnungszeiten: Täglich, Sommer 8–18 Uhr, Winter 9–17 Uhr
- Anreise: Tram 12, Haltestelle Tierpark; oder zu Fuss ab Bern entlang der Aare
- Website: tierpark-bern.ch
Video-Tipp: Ziesel-Jungtiere im Dählhölzli – direkt vom Tierpark Bern
Der Tierpark Bern hat dieses charmante Video der putzigen Ziesel-Jungtiere veröffentlicht – man sieht die kleinen Nagetiere beim Erkunden ihrer Anlage, beim Männchen-Machen und auf Futtersuche:
Fazit
Das Europäische Ziesel ist eine der kleinen, leisen Entdeckungen, die ein Besuch im Dählhölzli bereithalten kann. Kein Löwe, kein Elefant – aber ein Tier, das einen direkten Blick in die gefährdete Artenvielfalt Europas erlaubt und gleichzeitig zeigt, wie Zoos und Tierparks aktiv zum Überleben bedrohter Tierarten beitragen. Wer jetzt im Frühling nach Bern kommt, kann die Jungtiere bei ihren ersten Abenteuern beobachten – und versteht vielleicht, warum der Tierpark Bern so viel Mühe investiert, damit diese kleinen Erdhörnchen auch in der Wildnis Tschechiens eine Zukunft haben.
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