Fussballfans im Zug: Wann die Notbremse schützt – und Missbrauch gefährlich wird
von belmedia Redaktion Allgemein Alltag Bern Events events24.ch Fussball Inspiration Konzeption Lifestyle Magazine nachrichtenticker.ch News Prävention Regionen Schweiz Schweiz Sicherheit Sport sportaktuell.ch Themen Tipps Ⳇ Verbreitung
Fussball lebt von Emotionen, Auswärtsfahrten und gemeinsamem Mitfiebern. Doch sobald Sicherheitseinrichtungen im Zug missbraucht werden, endet die Fankultur. Eine grundlos betätigte Notbremse kann Reisende verletzen, Rettungsabläufe auslösen und den Bahnverkehr weit über den betroffenen Zug hinaus beeinträchtigen.
Welche Folgen das haben kann, zeigte ein Vorfall vom 25. Juli 2026. Nach Angaben der SBB blockierten GC-Fans einen Zug zwischen Zürich und Bern. Mindestens 15 Mal wurde die Notbremse gezogen. Zudem wurde der Brandalarm ausgelöst. Die SBB verurteilte das Verhalten und reichte Strafanzeige ein.
Ein Zwischenfall zum Auftakt der Fussballsaison
Der Vorfall ereignete sich am ersten Spieltag der Brack Super League 2026/27. Der Grasshopper Club Zürich war an diesem Samstag beim FC Lausanne-Sport zu Gast. Die Begegnung begann um 18 Uhr und endete 1:1. Lausanne ging in der ersten Halbzeit durch Bah Mendes in Führung. Der eingewechselte Yannick Noah Bengondo erzielte in der Schlussphase den Ausgleich für GC.
Damit holten die Grasshoppers zum Auftakt einen Auswärtspunkt. Überschattet wurde der Fussballabend jedoch von den später bekannt gewordenen Ereignissen im Bahnverkehr.
Die SBB erklärte, dass für die GC-Fans reservierte Wagen bereitgestanden hätten. Diese seien nicht genutzt worden. Stattdessen hätten Fans einen regulären Zug blockiert. Die konkreten Handlungen und die Verantwortung einzelner Personen sind Gegenstand der weiteren Abklärungen. Eine Strafanzeige bedeutet noch keine Verurteilung.
85 Züge und zahlreiche Reisende betroffen
Die Auswirkungen beschränkten sich nicht auf den blockierten Zug. Nach Angaben der SBB waren insgesamt 85 Verbindungen betroffen. Die verursachten Verspätungen summierten sich auf sechs Stunden und 25 Minuten.
Das Schweizer Bahnnetz ist eng miteinander verknüpft. Bleibt ein Zug auf einer stark befahrenen Strecke stehen, kann er nachfolgende Verbindungen blockieren. Fahrzeuge und Personal erreichen ihre nächsten Einsätze verspätet. Anschlüsse gehen verloren. Die Störung breitet sich dadurch auf weitere Linien und Bahnhöfe aus.
Betroffen sind Reisende, die mit dem Fussballspiel nichts zu tun haben. Familien verpassen Anschlüsse. Berufstätige erreichen ihren Arbeitsplatz verspätet. Andere Fahrgäste müssen kurzfristig auf neue Verbindungen ausweichen.
Auswärtsfahrten gehören zur Schweizer Fankultur
Gemeinsame Reisen zu Auswärtsspielen sind ein fester Bestandteil des Schweizer Fussballs. Fans tragen ihre Farben, stimmen Gesänge an und begleiten ihre Mannschaft durch die ganze Schweiz. Für viele beginnt der Spieltag deshalb bereits im Zug.
Diese Form der Fankultur funktioniert jedoch nur, wenn andere Reisende, Bahnmitarbeitende und die Infrastruktur respektiert werden. Begeisterung für einen Club rechtfertigt keine Gewalt, keine Sachbeschädigung und keinen Missbrauch von Sicherheitseinrichtungen.
Die grosse Mehrheit der Fussballfans reist ohne schwere Zwischenfälle. Das zeigt eine gemeinsame Bilanz der Swiss Football League und der SBB aus der Saison 2024/25. In den ersten 18 Runden beförderte die SBB rund 100’000 Fans in 180 Fanzügen. Die Fahrten verliefen nach Angaben der beiden Organisationen weitgehend geordnet.
Warum es spezielle Fanzüge gibt
Die SBB setzt bereits seit 2002 spezielle Züge für Auswärtsreisen im Schweizer Profifussball ein. Sie sollen grössere Fangruppen gebündelt transportieren, reguläre Verbindungen entlasten und die verschiedenen Reisendengruppen voneinander trennen.
Für Gruppen ab 400 Gästefans sind bei Spielen der Super League weiterhin Fanzüge vorgesehen. Bei kleineren Gruppen können Plätze in einem regulären Zug reserviert werden. Je nach Bedarf lassen sich zusätzliche Wagen einsetzen.
Fanzüge sind keine rechtsfreien Räume. Die üblichen gesetzlichen Bestimmungen gelten auch dort. Sicherheitseinrichtungen müssen jederzeit verfügbar bleiben. Zugpersonal, Transportpolizei und weitere Sicherheitskräfte können eingreifen, wenn Reisende gefährdet oder Fahrzeuge beschädigt werden.
Für die SBB ist das Angebot mit erheblichem Aufwand verbunden. Nach aktuellen Angaben entstehen jährlich ungedeckte Kosten von mehr als vier Millionen Franken. Hinzu kommen Aufwendungen für Vandalismusschäden und betriebliche Störungen.
Fanbegleitung und Dialog können Konflikte entschärfen
Auf die Saison 2024/25 hin vereinbarten die Swiss Football League und die SBB eine engere Zusammenarbeit. Neben der Liga und den Bahnunternehmen sind die Clubs, Fanorganisationen und Fanarbeit beteiligt.
Eine wichtige Rolle spielen Fanbegleiter. Sie kennen die jeweiligen Fangruppen und können frühzeitig auf problematisches Verhalten reagieren. Gemeinsam mit speziell geschulten Bahnmitarbeitenden fördern sie den Dialog und tragen zur Deeskalation bei.
Bei verschiedenen Clubs übernehmen Fans zudem die Abfallsammlung in den Zügen. Solche Lösungen zeigen, dass Verantwortung und gelebte Fankultur zusammenpassen. Sie reduzieren den Reinigungsaufwand und stärken die Akzeptanz der Fanzüge.
Die Zusammenarbeit hat Grenzen. Werden Sicherheitsvorgaben ignoriert oder Mitarbeitende angegriffen, braucht es konsequente Reaktionen. Die Verantwortung liegt dann bei den Personen, die sich an den Handlungen beteiligen – nicht pauschal bei allen Anhängern eines Clubs.
Neue Konsequenzen in der Saison 2026/27
Für die Saison 2026/27 hat die SBB Anpassungen angekündigt. Fanzüge sollen eingesetzt werden, wenn zur entsprechenden Zeit ebenfalls reguläre Verbindungen verkehren. Gibt es nach einem Spiel keine reguläre Verbindung mehr, können Clubs oder Fanorganisationen weiterhin Charterzüge bestellen.
Neu kommt ein Verhaltenskodex mit klarer festgelegten Folgen hinzu. Je nach Schwere eines Verstosses nennt die SBB Wagenräumungen, Zugausfälle und rechtliche Schritte. Wiederholte oder schwere Vorfälle können sich auf künftige Fanzugangebote auswirken.
Damit entsteht eine Verbindung zwischen dem Verhalten während einer einzelnen Reise und den späteren Möglichkeiten einer Fangruppe. Das Ziel bleibt, sichere und organisierte Auswärtsfahrten weiterhin anzubieten.
Wofür die Notbremse vorgesehen ist
Die Notbremse gehört zu den wichtigsten Sicherheitseinrichtungen eines Zuges. Sie ist für konkrete Gefahrensituationen bestimmt, in denen eine sofortige Reaktion des Bahnbetriebs notwendig ist.
Massgeblich sind die Hinweise am jeweiligen Fahrzeug und die Anweisungen des Zugpersonals. Nicht jedes Problem verlangt einen sofortigen Halt auf offener Strecke. Bei einer Erkrankung, Belästigung oder technischen Auffälligkeit kann es je nach Situation sinnvoller sein, das Zugpersonal über eine Sprechstelle oder einen Notrufknopf zu verständigen.
In einer akuten Gefahr darf dagegen keine Zeit verloren werden. Wer Rauch, Feuer oder eine andere unmittelbare Bedrohung feststellt, soll Alarm auslösen und das Zugpersonal informieren. Die Sicherheitshinweise im Fahrzeug haben dabei Vorrang.
Warum eine Notbremsung Verletzungen verursachen kann
Ein Zug bewegt sich mit hoher Geschwindigkeit. Bei einer starken Bremsung wirken erhebliche Kräfte auf die Menschen im Fahrzeug. Sitzende Fahrgäste sind besser geschützt. Stehende Personen können dagegen das Gleichgewicht verlieren.
Das betrifft besonders Reisende, die sich durch einen Gang bewegen oder eine Treppe im Doppelstockzug benutzen. Ältere Menschen, Kinder und Personen mit eingeschränkter Mobilität sind zusätzlich gefährdet. Auch ungesicherte Koffer, Kinderwagen oder Fahrräder können in Bewegung geraten.
Die SBB empfiehlt deshalb, sich beim Gehen im Zug festzuhalten. Durchgänge, Türen und Fluchtwege müssen frei bleiben. Gepäck gehört in die dafür vorgesehenen Ablagen und Bereiche.
Die mögliche Verletzungsgefahr ist kein Grund, in einer wirklichen Notlage auf die Notbremse zu verzichten. Sie erklärt jedoch, weshalb die Einrichtung niemals aus Spass, Protest oder zur Verzögerung eines Zuges betätigt werden darf.
Ein Zug hält nicht immer an Ort und Stelle
Viele Reisende gehen davon aus, dass eine gezogene Notbremse den Zug sofort zum Stillstand bringt. Die tatsächliche Reaktion hängt vom Fahrzeug, vom Streckenabschnitt und von der Gefahrensituation ab.
Ein Halt kann in einem langen Tunnel, auf einer Brücke oder an einer schwer zugänglichen Stelle zusätzliche Risiken verursachen. Deshalb kann ein Zug nach einer Alarmierung möglichst bis zu einem geeigneten Halte- oder Evakuierungsort weiterfahren.
Für den Gotthard-Basistunnel erklärt die SBB beispielsweise, dass ein Zug im Notfall nach Möglichkeit die nächste Nothaltestelle erreicht oder den Tunnel verlässt. Reisende sollen den Zug nicht eigenmächtig verlassen. Im Gleisbereich drohen fahrende Züge und lebensgefährliche Spannungen.
Was bei Rauch oder Feuer zu tun ist
Bei Rauchentwicklung muss das Zugpersonal sofort informiert werden. Ist ein Wechsel ohne Gefahr möglich, sollen Reisende in einen benachbarten Wagen gehen und hilfsbedürftige Personen unterstützen.
Feuerlöscher dürfen verwendet werden, wenn dies ohne erhebliche Eigengefährdung möglich ist. Der Zug sollte erst verlassen werden, wenn das Personal oder die Rettungskräfte dazu auffordern. Gepäck darf Fluchtwege nicht blockieren.
Ein grundlos ausgelöster Brandalarm setzt ebenfalls Sicherheitsabläufe in Gang. Personal muss abklären, ob tatsächlich Feuer oder Rauch vorhanden ist. Unter Umständen werden Leitstellen und Einsatzkräfte einbezogen. Ein Brandalarm ist daher weder ein Scherz noch ein geeignetes Protestmittel.
Missbrauch der Notbremse ist strafbar
Das Schweizer Personenbeförderungsgesetz regelt den Missbrauch ausdrücklich. Gemäss Artikel 57 Absatz 4 Buchstabe c wird auf Antrag mit Busse bestraft, wer vorsätzlich die Sicherheitsvorrichtungen eines Fahrzeugs missbraucht. Die Notbremsvorrichtung wird im Gesetz ausdrücklich genannt.
Ob weitere Straftatbestände erfüllt sind, hängt vom konkreten Ablauf und den Folgen ab. Wird der öffentliche Verkehr gestört und werden dadurch Menschen wissentlich gefährdet, kann unter bestimmten Voraussetzungen auch der Straftatbestand der Störung des öffentlichen Verkehrs geprüft werden.
Sachbeschädigungen, Drohungen, Gewalt oder Angriffe auf Mitarbeitende können weitere Verfahren auslösen. Welche Bestimmungen tatsächlich anwendbar sind, entscheiden Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte.
Was Clubs, Liga und Fans beitragen können
Eine sichere Auswärtsreise beginnt lange vor der Abfahrt. Clubs und Liga können Informationen zu Verbindungen, Treffpunkten und Verhaltensregeln frühzeitig verbreiten. Fanarbeit und Begleitpersonen schaffen direkte Ansprechpartner.
Fans tragen Verantwortung für das Verhalten in ihrer Gruppe. Wer gefährliche Handlungen beobachtet, sollte nicht mitmachen oder sie durch Anfeuern unterstützen. Eine klare Distanzierung schützt die Fankultur davor, pauschal mit Gewalt und Vandalismus verbunden zu werden.
Auch die Wahl der vorgesehenen Verbindung ist wichtig. Reservierte Wagen oder Fanzüge erleichtern die Planung. Werden stattdessen andere Züge blockiert, trifft dies vor allem unbeteiligte Reisende und das Bahnpersonal.
So verhalten sich Reisende bei gefährlichen Situationen
Wer den Missbrauch einer Notbremse, einen Fehlalarm oder aggressives Verhalten beobachtet, sollte eine direkte Konfrontation vermeiden. Besonders gegenüber einer grösseren Gruppe kann ein Eingreifen die Situation verschärfen.
- Abstand halten und einen möglichst sicheren Platz aufsuchen.
- Das Zugpersonal oder die Transportpolizei informieren.
- Bei akuter Gefahr die Polizei über die Nummer 117 verständigen.
- Fluchtwege, Türen und Durchgänge freihalten.
- Beobachtungen genau schildern, ohne sich für Fotos oder Videos zu gefährden.
- Den Zug auf offener Strecke nicht eigenmächtig verlassen.
- Die Anweisungen des Zugpersonals und der Einsatzkräfte befolgen.
Die Transportpolizei ist nach Angaben der SBB rund um die Uhr in Zügen und Bahnhöfen präsent. Sie ist unter 0800 117 117 erreichbar. Bei einer unmittelbar gefährlichen Situation gilt der allgemeine Polizeinotruf 117.
Video-Tipp: Unterwegs mit der SBB-Transportpolizei
Die deutschsprachige SRF-Reportage begleitet die SBB-Transportpolizei bei ihrer Arbeit. Sie zeigt, wie Einsatzkräfte mit Aggressionen, Konflikten und Sicherheitsproblemen in Zügen und Bahnhöfen umgehen.
Fazit
Auswärtsfahrten gehören zum Schweizer Fussball. Fangesänge, Clubfarben und die gemeinsame Reise schaffen Gemeinschaft. Diese Kultur bleibt jedoch nur tragfähig, wenn Sicherheit, Bahnpersonal und andere Reisende respektiert werden.
Der Vorfall vom 25. Juli 2026 zeigt, wie weit die Folgen eines Notbremsenmissbrauchs reichen können. Nach Angaben der SBB waren 85 Züge betroffen. Die Verspätungen summierten sich auf sechs Stunden und 25 Minuten.
Eine Notbremse gehört in eine konkrete Gefahrensituation. Wer sie absichtlich missbraucht, gefährdet möglicherweise Menschen, stört den Bahnverkehr und muss mit strafrechtlichen Folgen rechnen. Leidenschaft für einen Fussballclub und verantwortungsvolles Verhalten schliessen sich nicht aus. Im Gegenteil: Beides gehört zu einer starken Fankultur.
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