Junge Menschen für Handwerk und Pflege begeistern: Wie Nachwuchsgewinnung gelingt

Ein Beruf muss für Jugendliche mehr sein als ein Name auf einer Liste. Wer noch nie eine Werkstatt von innen gesehen, eine Solaranlage montiert, mit Holz gearbeitet oder den Alltag auf einer Pflegestation erlebt hat, kann sich unter vielen Ausbildungsberufen nur wenig vorstellen.

Genau hier liegt eine grosse Chance für Handwerksbetriebe, Spitäler, Pflegezentren, Spitex-Organisationen und andere Gesundheitsbetriebe: Nachwuchsgewinnung funktioniert besonders gut, wenn Jugendliche Berufe praktisch erleben, junge Berufsleute kennenlernen und erkennen, welche Entwicklungsmöglichkeiten eine Lehre eröffnet.

Die Ausgangslage ist besser, als manche Klage über eine angeblich „ausbildungsunwillige Jugend“ vermuten lässt. Im Frühjahr 2026 zogen 63 Prozent der Jugendlichen in der Schweiz eine berufliche Grundbildung in Betracht. Gleichzeitig konkurrieren Betriebe um passende Lernende, während einzelne Berufe mit Imageproblemen, geschlechtsspezifischen Rollenbildern oder wenig Bekanntheit kämpfen. Besonders im Handwerk sowie in Pflege- und Gesundheitsberufen reicht es deshalb nicht, freie Lehrstellen auszuschreiben. Attraktivität entsteht durch glaubwürdige Einblicke, gute Ausbildungsbedingungen, sichtbare Perspektiven und das Gefühl, mit der eigenen Arbeit etwas bewirken zu können.

Die Berufslehre hat bei Jugendlichen weiterhin einen hohen Stellenwert

Die Diskussion über Nachwuchsmangel vermittelt manchmal den Eindruck, Jugendliche hätten grundsätzlich kein Interesse mehr an einer Lehre. Die aktuellen Zahlen zeichnen ein differenzierteres Bild. Rund 98’000 Jugendliche standen im Frühjahr 2026 in der Schweiz vor einer Ausbildungsentscheidung. 63 Prozent zogen eine berufliche Grundbildung in Betracht. Schweizer Unternehmen boten hochgerechnet rund 74’000 Lehrstellen an, von denen im März und April bereits 68 Prozent vergeben waren.

Auch die Einschätzung der Jugendlichen zur Berufsbildung ist keineswegs schlecht. Viele verbinden eine Lehre mit praktischer Problemlösung und guten Perspektiven. Gleichzeitig ist die Entscheidung früh anspruchsvoll: Mit 14, 15 oder 16 Jahren soll aus einer grossen Zahl von Möglichkeiten ein Beruf ausgewählt werden, obwohl viele Tätigkeiten aus dem persönlichen Alltag kaum bekannt sind.

Genau daraus ergibt sich eine wichtige Konsequenz für die Nachwuchsgewinnung. Betriebe müssen Jugendliche nicht zuerst davon überzeugen, dass berufliche Bildung grundsätzlich etwas wert ist. Viel häufiger müssen sie erklären und zeigen, weshalb gerade ihr Beruf interessant sein könnte und wie der Arbeitsalltag tatsächlich aussieht.

Handwerk und Gesundheitsberufe haben ein gemeinsames Kommunikationsproblem

Auf den ersten Blick könnten die Bereiche kaum unterschiedlicher wirken. Auf der einen Seite stehen Werkbank, Baustelle, Gebäudetechnik oder CNC-Maschine, auf der anderen Pflegebett, Labor, Praxis und Spital. Bei der Nachwuchsgewinnung ähneln sich die Herausforderungen jedoch erstaunlich stark.

Viele Jugendliche kennen nur einen Ausschnitt der heutigen Berufsbilder. Handwerk wird teilweise noch mit rein körperlicher Arbeit verbunden. Dabei gehören digitale Planung, automatisierte Maschinen, moderne Messtechnik, Energieeffizienz, Photovoltaik und vernetzte Gebäudetechnik längst zu zahlreichen Berufen. Pflege wiederum wird gelegentlich auf Grundversorgung reduziert, obwohl klinische Beobachtung, Medizintechnik, Medikamentenmanagement, Kommunikation, Dokumentation und hohe fachliche Verantwortung dazugehören.

Wer Nachwuchs gewinnen möchte, sollte deshalb nicht in erster Linie ein Image behaupten. Der Arbeitsalltag muss sichtbar werden. Je konkreter Jugendliche sehen, was Berufsleute tatsächlich tun, desto eher können sie prüfen, ob Interessen und Fähigkeiten dazu passen.



Berufe erleben lassen statt nur darüber sprechen

Eine der wirksamsten Möglichkeiten dafür ist die Schnupperlehre. Sie gibt Jugendlichen Gelegenheit, Arbeitsplätze, typische Aufgaben, Teams und Berufsbildner kennenzulernen. Gleichzeitig kann ein Betrieb beobachten, wie interessiert und wohl sich eine mögliche künftige lernende Person im Umfeld fühlt.

Entscheidend ist allerdings die Qualität dieser Erfahrung. Ein Schnuppertag, an dem ein Jugendlicher stundenlang zuschaut, Kartons trägt oder ohne Erklärung neben einer Maschine steht, verkauft keinen Beruf. Gute Schnupperangebote enthalten einfache, sichere Tätigkeiten, die einen realistischen Einblick vermitteln. Hinzu kommen Gespräche mit Berufsleuten und Lernenden sowie genügend Zeit für Fragen.

Im Handwerk kann beispielsweise ein kleines Werkstück entstehen, eine einfache Messung durchgeführt oder eine technische Zeichnung mit der späteren Umsetzung verglichen werden. Im Gesundheitsbereich können je nach Beruf und rechtlichen Möglichkeiten Simulationen, Übungsmodelle, Laborarbeit oder Einblicke in verschiedene Stationen sinnvoll sein. Patientenschutz und Datenschutz setzen dabei selbstverständlich klare Grenzen.

Die SwissSkills 2025 haben gezeigt, welche Wirkung dieses Prinzip in grossem Massstab entfalten kann. Dort konnten Jugendliche mehr als 150 Berufe kennenlernen und in „Try a Skill“-Bereichen selbst Tätigkeiten ausprobieren. Mehr als 20’000 Jugendliche besuchten bereits am ersten Veranstaltungstag das Gelände. Bei den Metallbauern entstand beispielsweise eine Blumenvase, bei medizinischen Praxisassistenten konnte eine Herzmassage geübt werden.


Jugendliche arbeiten gemeinsam mit einem Ausbilder an einer CNC-Drehmaschine. Moderne Handwerks- und Technikberufe verbinden praktische Arbeit zunehmend mit Präzision, digitaler Technik und anspruchsvollen Produktionsprozessen.

Die besten Botschafter sitzen häufig bereits im eigenen Betrieb

Ein 16-jähriger Lernender kann einem 14-jährigen Schüler manche Frage glaubwürdiger beantworten als eine Personalabteilung. Wie war der erste Arbeitstag? Welche Fächer aus der Schule werden tatsächlich gebraucht? Wie fühlt sich Berufsschule an? Was ist anstrengend? Was macht besonders Spass? Solche Fragen beschäftigen Jugendliche unmittelbar.

Deshalb lohnt es sich, Lernende aktiv in Berufsinformationstage, Schnupperangebote, Schulbesuche und digitale Inhalte einzubeziehen. Kurze Videos aus dem Arbeitsalltag können zeigen, wie eine junge Schreinerin ein Werkstück plant, ein angehender Elektroinstallateur eine Anlage prüft oder ein Lernender Fachmann Gesundheit eine Pflegesituation vorbereitet.

Dabei muss nicht jeder Beitrag wie eine Hochglanzwerbung aussehen. Zu glatt produzierte Kampagnen können Distanz schaffen. Glaubwürdig sind konkrete Situationen, verständliche Sprache und junge Menschen, die offen über positive Seiten sowie Herausforderungen ihrer Ausbildung sprechen.

Das gilt gerade für soziale Medien. Ein kurzer Einblick in eine echte Aufgabe kann mehr erklären als ein Satz wie „abwechslungsreicher Beruf mit Zukunft“. Jugendliche sehen selbst, welche Werkzeuge verwendet werden, wie das Team arbeitet und welche Verantwortung Lernende übernehmen.

Sinn ist wichtig: Er darf aber nicht zur Werbefloskel werden

Handwerk und Gesundheitsberufe besitzen einen grossen Vorteil: Der Nutzen der Arbeit ist häufig unmittelbar sichtbar. Ein Dach schützt ein Gebäude. Eine Heizungsanlage funktioniert. Eine Solaranlage produziert Strom. Ein Möbelstück entsteht aus einzelnen Materialien. In der Pflege kann fachliches Handeln Schmerzen lindern, Selbstständigkeit erhalten, Komplikationen vermeiden oder einem Menschen in einer schwierigen Situation Sicherheit geben.

Dieser Sinn sollte sichtbar gemacht werden. Gleichzeitig wäre es ein Fehler, belastende Seiten zu verschweigen. Handwerkliche Tätigkeiten können körperlich fordernd sein, Baustellen beginnen teilweise früh und manche Arbeiten finden bei Kälte oder Hitze statt. Pflegeberufe bringen Schichtarbeit, emotionale Belastungen und hohe Verantwortung mit sich.

Glaubwürdige Nachwuchswerbung zeigt beides. Jugendliche können mit anspruchsvollen Rahmenbedingungen umgehen, wenn sie wissen, was sie erwartet und weshalb eine Tätigkeit trotzdem attraktiv sein kann. Wer dagegen im Schnupperbetrieb eine völlig andere Realität erlebt als in der Werbekampagne, verliert schnell Vertrauen.

Das moderne Handwerk muss auch modern gezeigt werden

Gerade technisch interessierte Jugendliche wissen mitunter nicht, wie viel Digitalisierung in handwerklichen Berufen steckt. Gebäude werden digital vermessen, Anlagen programmiert, Fehler mit Diagnosegeräten gesucht und Bauteile computergestützt geplant oder gefertigt. Energie- und Gebäudetechnik verbindet klassische handwerkliche Fähigkeiten mit Themen, die für die Energieversorgung und den Klimaschutz wichtig sind.

Hinzu kommt ein sehr konkretes Erfolgserlebnis: Am Ende eines Arbeitstages ist oft sichtbar, was entstanden ist. Diese Verbindung aus Denken und Machen lässt sich in der Nachwuchsansprache wesentlich stärker nutzen.

Auch die späteren Entwicklungsmöglichkeiten verdienen mehr Aufmerksamkeit. Der belmedia-Beitrag „Zukunftssicher, gefragt, gut bezahlt: Die besten Handwerksberufe in der Schweiz“ zeigt, wie breit die beruflichen Perspektiven im Schweizer Handwerk inzwischen sind.

Pflege und Gesundheit brauchen mehr als die Botschaft „Menschen helfen“

Bei Gesundheitsberufen wird häufig mit sozialem Sinn geworben. Das ist nachvollziehbar, greift aber zu kurz. Jugendliche mit Interesse an Naturwissenschaften, Technik, Organisation oder Verantwortung können ebenfalls angesprochen werden. Moderne Pflege verbindet menschliche Nähe mit medizinischem Wissen, klinischer Beobachtung, digitaler Dokumentation und technischen Geräten.

Auch der Gesundheitsbereich ist erheblich vielfältiger als das Bild einer einzigen Pflegestation vermuten lässt. Ausbildungsmöglichkeiten finden sich unter anderem in Spitälern, Alters- und Pflegezentren, Spitex-Organisationen, Arztpraxen, Apotheken, Laboren und weiteren Einrichtungen. Unterschiedliche Bildungswege ermöglichen später Spezialisierungen und weiterführende Abschlüsse.

Dass Berufsmarketing Wirkung entfalten kann, zeigt die Entwicklung in der Zentralschweiz. Dort befanden sich Anfang 2026 erstmals mehr als 3’000 Personen gleichzeitig in einer Pflegeausbildung. 2025 begannen 850 Personen eine Pflegelehre, 3,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Zusätzlich starteten 509 neue Studierende eine Pflegeausbildung auf Stufe Höhere Fachschule, ein Plus von 6,7 Prozent.

Der belmedia-Beitrag „Mehr als 3000 Menschen absolvieren Pflegeausbildung in der Zentralschweiz“ beschreibt diese Entwicklung und die damit verbundenen Bildungs- und Marketingmassnahmen ausführlicher.


Gesundheitsberufe bieten fachliche Verantwortung, Zusammenarbeit und unterschiedliche Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten.

Karrierewege müssen schon vor der Lehre verständlich sein

Ein hartnäckiges Vorurteil lautet, eine Lehre lege den beruflichen Weg früh und endgültig fest. Das Schweizer Bildungssystem ist jedoch durchlässig. Nach einer beruflichen Grundbildung können höhere Berufsbildung, Berufsprüfungen, höhere Fachprüfungen, höhere Fachschulen oder je nach Bildungsweg Fachhochschulen folgen.

Auch die Berufsmaturität sollte in der Nachwuchsansprache sichtbar werden. Im Frühjahr 2026 gaben 27 Prozent der Jugendlichen, die eine duale berufliche Grundbildung anstrebten, an, gleichzeitig eine Berufsmaturität absolvieren zu wollen. 56 Prozent der befragten Lehrbetriebe boten diese Möglichkeit an.

Für Jugendliche und Eltern verändert diese Information die Perspektive. Eine Lehre muss nicht als Alternative zu weiterer Bildung verstanden werden. Sie kann der Beginn einer längeren Laufbahn sein: vom EFZ über Spezialisierungen bis zu Führungsaufgaben, höherer Berufsbildung, Fachhochschule oder in manchen Handwerksberufen später auch einem eigenen Unternehmen.

Gesundheitsbetriebe können ebenfalls konkreter zeigen, welche Wege nach einer Grundbildung offenstehen. Wer nur den Einstiegsberuf bewirbt und spätere Rollen verschweigt, präsentiert einen wesentlich kleineren Ausschnitt der tatsächlichen Möglichkeiten.

Eltern gehören zur Zielgruppe der Nachwuchsgewinnung

Berufsmarketing richtet sich häufig fast ausschliesslich an Jugendliche. Dabei zeigt das Schweizer Nahtstellenbarometer, wie stark Eltern die Ausbildungswahl begleiten. Im Frühjahr 2025 erklärten 81 Prozent der Jugendlichen, von ihren Eltern bei der Entscheidung unterstützt worden zu sein.

Deshalb können Elternabende, offene Betriebe und Informationsveranstaltungen einen grossen Unterschied machen. Eltern möchten wissen, ob eine Ausbildung solide ist, welche Weiterbildungsmöglichkeiten bestehen, wie Lernende begleitet werden und welche beruflichen Perspektiven sich nach dem Abschluss ergeben.

Gerade bei Berufen mit überholten Vorstellungen kann diese Information entscheidend sein. Wenn zu Hause noch das Bild vom körperlich verschlissenen Handwerker ohne Entwicklungsmöglichkeiten oder vom Gesundheitsberuf ohne technische und fachliche Perspektiven vorherrscht, beeinflusst das die Berufswahl. Berufsmarketing sollte deshalb auch Erwachsene mit aktuellen Informationen erreichen.

Berufswahl beginnt lange vor der Bewerbung

Wer erstmals Kontakt mit einem Beruf hat, wenn eine Lehrstelle ausgeschrieben wird, hat möglicherweise längst eine andere Richtung gewählt. Deshalb sollten Branchen früher präsent sein: in Schulen, Berufswahlwochen, Ferienangeboten, Berufsmessen und Schnuppertagen.

Besonders wirkungsvoll sind Kontakte, bei denen etwas getan werden kann. Eine Klasse kann beispielsweise eine einfache elektrische Schaltung aufbauen, Holz bearbeiten oder eine technische Aufgabe lösen. Im Gesundheitsbereich bieten sich Simulationen an: Blutdruck messen, Reanimation an einem Modell üben oder typische Instrumente kennenlernen.

Der Zweck besteht nicht darin, nach einem Nachmittag sofort Bewerbungen zu erhalten. Frühe Begegnungen erweitern zunächst das Bild möglicher Berufe. Ein Jugendlicher kann später nur einen Beruf in die engere Wahl nehmen, von dessen Existenz und Inhalt er überhaupt weiss.

Geschlechterklischees verkleinern den Nachwuchspool

In zahlreichen Schweizer Ausbildungsberufen bestehen weiterhin starke Unterschiede zwischen jungen Männern und Frauen. Bei Neueintritten in die Ausbildung zum Elektroinstallateur lag der Männeranteil in vom SBFI ausgewerteten Daten für 2022 beispielsweise bei 96 Prozent. Bei medizinischen Praxisassistenten waren dagegen 97 Prozent der Neueintritte weiblich.

Solche Muster entstehen nicht allein aus unterschiedlichen Interessen. Forschungsarbeiten zeigen, dass soziale Erwartungen bei der Berufswahl eine Rolle spielen. Besonders die Berufswahl junger Männer kann stark davon beeinflusst werden, wie akzeptiert ein vermeintlich „weiblicher“ Beruf im sozialen Umfeld wahrgenommen wird.

Die Lösung besteht nicht darin, einfach ein Mädchen mit Werkzeug oder einen Jungen im Pflegekittel auf ein Plakat zu setzen. Ein vom SBFI vorgestelltes Experiment zeigte, dass gezielt gestaltete Informationen das Interesse junger Frauen an Technik- und Informatikberufen steigern konnten. Eine vergleichbare kurze Informationsmassnahme für junge Männer bei Gesundheits- und Betreuungsberufen erzielte dagegen keinen messbaren Effekt.

Das spricht für einen längeren Ansatz. Schulen, Eltern, Betriebe und Berufsberatung müssen früh zeigen, dass Fähigkeiten wichtiger sind als traditionelle Rollenbilder. Schnupperlehren können dabei besonders hilfreich sein, weil Jugendliche einen ungewohnten Beruf unverbindlich selbst erleben können.


Praktische Einblicke und persönliche Anleitung wecken bei Jugendlichen die Begeisterung für das Handwerk.

Eine gute Schnupperlehre ist bereits Personalmarketing

Der erste Eindruck eines Lehrbetriebs entsteht nicht erst beim Bewerbungsgespräch. Schon eine Anfrage für einen Schnuppertag vermittelt etwas über die Unternehmenskultur. Kommt eine Antwort innerhalb weniger Tage? Ist klar, wer Ansprechpartner ist? Weiss der Jugendliche, wann er erscheinen soll und was ihn erwartet?

Während des Einsatzes zählt die Atmosphäre mindestens ebenso stark wie das Programm. Berufsbildung.ch empfiehlt eine freundliche, unterstützende Gestaltung, den Austausch mit Mitarbeitenden und ein Abschlussgespräch. Auch Lernende können in die Betreuung einbezogen werden.

Damit wird aus der Schnupperlehre ein gegenseitiger Auswahlprozess. Ein Betrieb prüft, ob ein Jugendlicher zum Beruf und Team passen könnte. Gleichzeitig prüft der Jugendliche, ob er dort mehrere Jahre lernen möchte. Wer Nachwuchs sucht, sollte deshalb jeden Schnuppereinsatz auch als Bewerbung des Unternehmens verstehen.

Kleine Dinge wirken stark: eine persönliche Begrüssung, passende Schutzkleidung, eine vorbereitete Aufgabe, gemeinsames Mittagessen und ein Abschlussfeedback. Das kostet weniger als viele Werbekampagnen und vermittelt unmittelbar, wie ernst ein Betrieb Ausbildung nimmt.

Ausbildungsqualität lässt sich nicht durch Marketing ersetzen

Die attraktivste Social-Media-Kampagne verliert ihren Wert, wenn Lernende im Betrieb überwiegend Hilfsarbeiten erledigen, bei Fehlern blossgestellt werden oder niemand Zeit für Fragen hat. Nachwuchsgewinnung und Ausbildungsqualität gehören deshalb zusammen.

Jugendliche sprechen miteinander. Erfahrungen werden in der Schule, im Freundeskreis und online weitergegeben. Ein Betrieb mit einer guten Ausbildungskultur baut damit langfristig einen Ruf auf. Umgekehrt kann eine hohe Fluktuation unter Lernenden ein Warnsignal sein.

Gute Berufsbildner erklären Zusammenhänge, geben angemessene Verantwortung und korrigieren Fehler sachlich. Lernende sollten schrittweise erleben, dass ihr Können wächst. Genau dieses Gefühl von Fortschritt macht eine Ausbildung attraktiv und stärkt die Bindung an den Beruf.

Im Gesundheitswesen gehören Arbeitsbedingungen zur Nachwuchswerbung

Für Pflege- und Gesundheitsberufe ist dieser Punkt besonders wichtig. Eine Branche kann Jugendliche für sinnvolle Aufgaben begeistern, darf ihnen aber bekannte Belastungen nicht verschweigen. Nachwuchsgewinnung ist langfristig nur erfolgreich, wenn Ausbildung, Arbeitsbedingungen und spätere Berufsperspektiven zusammenpassen.

Die Schweiz investiert deshalb auch politisch in die Ausbildung. Die erste Etappe zur Umsetzung der Pflegeinitiative ist seit dem 1. Juli 2024 in Kraft. Bund und Kantone fördern unter anderem praktische Ausbildungsplätze, Ausbildungsbeiträge sowie zusätzliche Abschlüsse auf Stufe Höhere Fachschule und Fachhochschule. Die Ausbildungsoffensive ist auf acht Jahre ausgerichtet.

Für einzelne Gesundheitsbetriebe bleibt dennoch die konkrete Erfahrung vor Ort entscheidend. Verlässliche Dienstplanung, gute Begleitung während der Ausbildung, respektvolle Teams und erreichbare Berufsbildner sind keine Nebensache. Sie beeinflussen, ob junge Menschen den Beruf weiterempfehlen und nach dem Abschluss darin bleiben möchten.

Jugendliche wollen Verantwortung, aber nicht ins kalte Wasser geworfen werden

Ein attraktiver Ausbildungsplatz behandelt Lernende weder wie Kinder noch wie voll ausgebildete Fachkräfte. Verantwortung sollte mit den Fähigkeiten wachsen. Im Handwerk kann eine lernende Person zunehmend eigene Arbeitsschritte planen und ausführen. In Gesundheitsberufen können Aufgaben entsprechend Ausbildungsstand und Kompetenzen erweitert werden.

Besonders motivierend ist es, wenn der Beitrag zum Gesamtergebnis sichtbar wird. Ein Lernender sollte verstehen, weshalb eine Messung exakt sein muss, warum eine bestimmte Vorbereitung für einen Patienten wichtig ist oder welchen Zweck eine dokumentierte Beobachtung erfüllt.

Damit entsteht fachlicher Stolz. Jugendliche erleben, dass ihr Einsatz gebraucht wird und dass Ausbildung kein jahrelanges Warten auf „richtige Arbeit“ bedeutet.


Pflegestudierende üben eine medizinische Technik an einem echten Patienten. Praktische Übungen machen sichtbar, dass Gesundheitsberufe Fachwissen, präzise Handgriffe und kontinuierliches Lernen verbinden.

Digitale Berufsorientierung öffnet die Tür, ersetzt die Praxis aber nicht

Jugendliche informieren sich selbstverständlich online. Deshalb sollten Berufsporträts und Lehrstelleninformationen auf dem Smartphone funktionieren. Kurze Videos, Einblicke in einen Arbeitstag, Aussagen von Lernenden und verständliche Informationen zu Anforderungen können die erste Hemmschwelle senken.

Virtuelle Rundgänge und Online-Sprechstunden erweitern die Reichweite. Berufsbildung.ch betrachtet solche digitalen Angebote ausdrücklich als sinnvolle Ergänzung zur klassischen Schnupperlehre. Sie können aber die reale Erfahrung im Betrieb nicht vollständig ersetzen.

Eine gute digitale Strategie führt deshalb von der Neugier zum persönlichen Kontakt. Nach einem Video sollte unkompliziert ein Schnuppertag gefunden werden können. Nach einem Schulbesuch kann ein QR-Code zu konkreten Lehrstellen oder Terminen führen. Interessierte sollten nicht erst durch komplizierte Webseiten navigieren müssen.

Auch die Bewerbung darf keine unnötige Hürde sein

Aus dem Nahtstellenbarometer 2025 geht hervor, dass Jugendliche beim Bewerbungsprozess besonders das Schreiben von Bewerbungsunterlagen, die Suche nach geeigneten Lehrstellen und den Umgang mit Absagen als Herausforderungen erleben. Unternehmen sollten deshalb prüfen, welche Informationen sie für eine erste Kontaktaufnahme tatsächlich benötigen.

Ein schlankes Bewerbungsverfahren bedeutet nicht, Anforderungen zu senken. Es bedeutet, unnötige Reibung zu vermeiden. Klare Stellenbeschreibungen, einfache digitale Formulare, schnelle Rückmeldungen und transparente nächste Schritte verbessern das Erlebnis für Jugendliche und Eltern.

Auch Absagen können professionell gestaltet werden. Wer nach einem Schnuppereinsatz eine kurze nachvollziehbare Rückmeldung erhält, behält den Betrieb anders in Erinnerung als jemand, der wochenlang nichts hört. Jugendliche, die heute nicht passen, können später Kunden, Mitarbeitende oder Multiplikatoren sein.

Was kleine Handwerksbetriebe auch ohne grosses Marketingbudget tun können

Professionelle Nachwuchsarbeit ist keine Frage riesiger Kampagnenbudgets. Gerade kleine Betriebe können ihre Nähe zum tatsächlichen Beruf nutzen. Ein Vormittag für eine Schulklasse, zwei gut organisierte Schnuppertage pro Monat oder kurze Videos mit aktuellen Lernenden können bereits viel bewirken.

Sinnvoll ist ein überschaubarer Massnahmenmix:

  • echte Aufgaben zeigen: Jugendliche sollen sehen und ausprobieren können, was im Beruf hergestellt, repariert, gepflegt oder organisiert wird.
  • Lernende einbinden: Gleichaltrige oder nur wenige Jahre ältere Berufsleute schaffen Nähe und beantworten andere Fragen als Führungskräfte.
  • schnell reagieren: Schnupper- und Lehrstellenanfragen sollten nicht über Wochen liegen bleiben.
  • Eltern informieren: Weiterbildung, Sicherheit, Arbeitsbedingungen und Karrierewege sollten transparent dargestellt werden.
  • Schulen aktiv ansprechen: Ein Betrieb muss nicht warten, bis eine Schulklasse von selbst Kontakt aufnimmt.
  • Berufsbilder aktualisieren: Moderne Technik, Digitalisierung und neue Aufgaben gehören sichtbar in die Kommunikation.
  • ehrlich über Anforderungen sprechen: glaubwürdige Information wirkt langfristig stärker als reine Werbung.
  • Ausbildungsqualität prüfen: Der beste Rekrutierungskanal sind Lernende, die ihren Ausbildungsbetrieb weiterempfehlen.

Gesundheitsbetriebe können Begegnungen mit der Praxis gezielt ausbauen

Im Gesundheitswesen kommen besondere Rahmenbedingungen hinzu. Jugendliche können wegen Datenschutz, Patientensicherheit und fachlicher Verantwortung nicht überall einfach mitarbeiten. Das bedeutet jedoch nicht, dass Berufserkundung oberflächlich bleiben muss.

Simulationstrainings, Besuche in Bildungszentren, Gespräche mit Lernenden, Einblicke in unterschiedliche Funktionsbereiche und praxisnahe Workshops können Aufgaben anschaulich vermitteln. Veranstaltungen wie die in der Zentralschweiz durchgeführte Woche der Gesundheitsberufe setzen genau auf solche direkten Begegnungen.

Wichtig ist, unterschiedliche Interessen anzusprechen. Ein Jugendlicher kann über den Kontakt mit Menschen zum Gesundheitsbereich finden. Ein anderer interessiert sich für Anatomie, Medizintechnik oder Diagnostik. Ein dritter entdeckt Freude an Teamarbeit und Verantwortung. Gesundheitsberufe sollten deshalb nicht auf einen einzigen Persönlichkeitstyp reduziert werden.

Deutschsprachiges Video: Was eine gute Schnupperlehre vermitteln kann

Das Schweizer Portal berufsberatung.ch zeigt im deutschsprachigen Film „Auf Lehrstellensuche: die Schnupperlehre“ vier Jugendliche während ihrer praktischen Berufserkundung. Zu sehen sind unterschiedliche Betriebe und Berufsfelder, darunter eine Sägerei und ein Kältetechnikbetrieb. Der Film macht anschaulich, weshalb das eigene Erleben für die Berufswahl so wichtig ist.



Nachwuchsgewinnung endet nicht mit der Unterschrift unter dem Lehrvertrag

Ein besetzter Ausbildungsplatz ist zunächst ein Erfolg. Wirklich gewonnen ist der Nachwuchs aber erst, wenn eine Ausbildung trägt und ein junger Mensch gute Chancen hat, den Abschluss zu erreichen. Die ersten Wochen sind dafür besonders wichtig.

Klare Ansprechpartner, strukturierte Einführung und realistische Erwartungen helfen beim Übergang von der Schule in die Arbeitswelt. Jugendliche müssen sich an längere Arbeitstage, neue Hierarchien und betriebliche Verantwortung gewöhnen. Fehler gehören in dieser Phase zum Lernen.

Auch regelmässiges Feedback sollte nicht erst erfolgen, wenn etwas schiefläuft. Wer weiss, was bereits gut funktioniert und wo Entwicklung erwartet wird, kann gezielter lernen. Gute Betreuung verbessert damit gleichzeitig Ausbildungsqualität, Bindung und den Ruf des Betriebs als Lehrbetrieb.

Nicht jede freie Lehrstelle ist automatisch attraktiv

Wenn eine Stelle mehrfach unbesetzt bleibt, lohnt sich eine ehrliche Analyse. Ist der Beruf in der Region bekannt? Ist der Arbeitsweg für Jugendliche machbar? Wirkt die Ausschreibung verständlich? Gibt es genügend Schnuppermöglichkeiten? Wie schnell reagiert der Betrieb? Welche Erfahrungen machen aktuelle Lernende?

Unternehmen nannten im Nahtstellenbarometer 2025 unter anderem zu wenige geeignete Bewerbungen, Konkurrenz anderer Lehrbetriebe, geringe Bekanntheit und mangelnde Attraktivität einzelner Berufe als Gründe für unbesetzte Stellen. Gerade Bau sowie Gesundheits- und Sozialbereiche berichteten auch davon, dass bestimmte Lehrberufe von Jugendlichen als wenig attraktiv wahrgenommen werden.

Das lässt sich nicht mit einem neuen Slogan allein lösen. Attraktivität entsteht aus Berufsinhalten, Arbeitsbedingungen, Ausbildungsqualität, Entwicklungschancen und öffentlicher Wahrnehmung. Berufsmarketing kann diese Realität sichtbar machen. Es kann eine schlechte Realität aber nicht dauerhaft überdecken.


Eine Gruppe junger Menschen lernt gemeinsam mit Ausbildern in einer technischen Ausbildungsumgebung. Berufliche Bildung verbindet Praxis, Fachunterricht, Teamarbeit und unterschiedliche Möglichkeiten zur späteren Weiterbildung.

Fazit: Begeisterung entsteht dort, wo Jugendliche einen Beruf selbst entdecken können

Handwerk sowie Pflege- und Gesundheitsberufe müssen Jugendlichen nicht künstlich „cool“ verkauft werden. Beide Bereiche haben starke Inhalte: praktische Arbeit, fachliches Können, sichtbare Ergebnisse, Verantwortung, Teamarbeit und zahlreiche Entwicklungsmöglichkeiten. Das eigentliche Problem ist häufig, dass diese Qualitäten während der Berufswahl zu wenig konkret wahrgenommen werden.

Die wirksamste Nachwuchsgewinnung beginnt deshalb mit Begegnung. Schnupperlehren, Berufsmessen, Schulprojekte, Workshops und Gespräche mit aktuellen Lernenden machen abstrakte Berufsbezeichnungen verständlich. Digitale Inhalte können Interesse wecken und Reichweite schaffen, sollten aber möglichst in einen echten Praxiskontakt münden.

Dazu kommt eine zweite Ebene, die keine Kampagne ersetzen kann: gute Ausbildungsbedingungen. Jugendliche achten darauf, wie Menschen miteinander umgehen, ob Fragen erwünscht sind und ob Lernende ernst genommen werden. Ein respektvoller Schnuppertag vermittelt mehr über einen Arbeitgeber als jede Karriereseite.

Besonders wichtig sind zudem sichtbare Bildungswege. Eine berufliche Grundbildung ist in der Schweiz keine Sackgasse. Berufsmaturität, höhere Berufsbildung, Fachhochschule, Spezialisierungen und Führungsaufgaben eröffnen langfristige Perspektiven. Werden diese Möglichkeiten Jugendlichen und Eltern früh erklärt, verändert sich das Bild vieler Berufe.

Schliesslich lohnt es sich, Rollenklischees bewusst aufzubrechen. Das Handwerk kann mehr junge Frauen gewinnen, Pflege und Gesundheitsberufe mehr junge Männer. Einzelne Werbefotos genügen dafür jedoch nicht. Jugendliche brauchen wiederholte Begegnungen, glaubwürdige Vorbilder und die Möglichkeit, einen vermeintlich untypischen Beruf selbst auszuprobieren.

Die zentrale Aufgabe lautet deshalb nicht, Jugendliche zu einer Ausbildung zu überreden. Gute Nachwuchsarbeit schafft Gelegenheiten, in denen ein junger Mensch selbst feststellen kann: Diese Tätigkeit liegt mir, dieses Team passt zu mir und dieser Weg bietet eine Zukunft. Genau aus dieser Erfahrung entsteht echte Begeisterung.

 

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