EZB erhöht Leitzins auf 2,25 Prozent und signalisiert begrenztes weiteres Zinspotenzial

Nach fast einem Jahr Stillstand setzt sich die Europäische Zentralbank (EZB) wieder in Bewegung. Sie erhöht ihre Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte, um dem energiepreisbedingten Anstieg der Inflation entgegenzuwirken.

„Die schwache Konjunktur erschwert die Aufgabe der EZB. Daher erachten wir das Zinserhöhungspotenzial der EZB als begrenzt und gehen von höchstens einer zusätzlichen Zinserhöhung aus“, erklärt Valentino Guggia, Ökonom der Migros Bank. Die Schweizerische Nationalbank stehe nicht unter Druck, ebenfalls die Zinsen anzuheben.

Zusammenfassung

  • Aufgrund des Anstiegs der Inflation beschloss die Europäische Zentralbank (EZB) anlässlich ihrer Sitzung vom 11. Juni eine Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte auf 2,25 Prozent.
  • Die schwache Konjunktur erschwert die Aufgabe der EZB, die Inflation durch Zinserhöhung zu bekämpfen, ohne dass die Wirtschaft in eine Rezession rutscht. Daher erachten wir das Zinserhöhungspotenzial der EZB als begrenzt und gehen von höchstens einer zusätzlichen Zinserhöhung aus.
  • Das begrenzte Erhöhungspotenzial setzt die Schweizerische Nationalbank (SNB) nicht unter Zugzwang. Wir erwarten nach wie vor eine Seitwärtsentwicklung von EUR/CHF.

Valentino Guggia, Ökonom der Migros Bank

Eine schwierige Konjunkturlage

„Die Konjunktur in der Eurozone bleibt eingetrübt“, erklärt Valentino Guggia, Ökonom der Migros Bank. Der Zollkonflikt mit den USA belastet den Aussenhandel, und der Anstieg der Energiepreise heizt die Inflation wieder an, nachdem diese seit dem Herbst bei oder leicht unter dem 2-Prozent-Ziel der EZB lag.

„Das Wirtschaftswachstum im ersten Quartal 2026 fiel besonders schwach aus, mit einem Rückgang um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal“, so Guggia. „Die Umsetzung der milliardenschweren Investitionspakete in Infrastruktur und Verteidigung verzögert sich und schafft es daher noch nicht, die Wirtschaft anzukurbeln. Stattdessen führte der Anstieg der Energiepreise zu einem beschleunigten Rückgang der Wertschöpfung von energieintensiven Branchen wie der Industrie.“

Die Hoffnung der EZB, dass die Reallohnerhöhungen des letzten Jahres den privaten Konsum stützen könnten, hat sich zurzeit nicht erfüllt. Im Gegenteil: Zum Jahresauftakt kam es zu einer Bremsung, und die aktuelle Konsumentenstimmung bleibt bescheiden.

Die EZB setzt ein Zeichen

„Aus Sicht des Wirtschaftswachstums ist es also gerade nicht die beste Zeit für eine Straffung der Geldpolitik“, bilanziert Guggia. Allerdings zeigte sich die EZB schon seit Beginn der Sperrung der Strasse von Hormus über deren Folgen für die Inflation besorgt. Die Teuerung wuchs für drei Monate in Folge auf aktuell 3,2 Prozent.

„Mit dem heutigen Zinsentscheid zeigt die EZB, dass sie die Wiederbelebung der Teuerung ernst nimmt und dass sie aus den Fehlern der Vergangenheit lernt – sprich: aus der irrigen Einschätzung der inflationären Phase von 2022 als vorübergehend und der dementsprechend verspäteten geldpolitischen Reaktion“, so Guggia. Vier Jahre später reagiert die EZB entschlossener und erhöht den Einlagesatz auf 2,25 Prozent.

Dennoch entsteht die aktuelle Inflation in einer anfänglichen Phase aus einer anderen Ursache als damals: Es ist eine Verknappung des Angebots, die die Preise nach oben zieht, ohne Überhitzung der Nachfrage.

„So lässt sich der Preisauftrieb schwieriger von der Zentralbank durch Zinserhöhungen bekämpfen, da der Störungsfaktor, d.h. die Blockade der Strasse von Hormus, exogen bzw. ausserhalb des Einflussbereichs der Geldpolitik liegt. Vielmehr will die EZB mit ihrer Geldpolitik einen Anstieg der Inflationserwartungen bremsen, damit die Forderungen nach Lohnerhöhungen nicht zu hoch ausfallen und auch in anderen Sektoren zu Preiserhöhungen führen. Dabei erachten wir das Zinserhöhungspotenzial der EZB, auch angesichts der schwachen Konjunktur, als begrenzt und gehen von höchstens einer zusätzlichen Zinserhöhung aus“, erläutert Guggia.

Kein Einfluss auf den SNB-Zinsentscheid vom 18. Juni

Der EZB-Zinsentscheid vom 11. Juni war von den Finanzmärkten vollständig eingepreist. „Im Einklang damit rechnen wir mit keiner deutlichen Bewegung von CHF/EUR – wir prognostizieren eine Seitwärtsentwicklung in einem engen Kanal“, so Guggia.

Zwar spräche die ausgeweitete Zinsdifferenz für einen höheren Euro-Kurs, dies wird aber mehr als kompensiert durch die im Vergleich zur Euro-Zone bessere Konjunkturlage und tiefere Inflation der Schweiz sowie durch die Rolle des Frankens als sicherer Hafen. In der gegenwärtigen Phase dämpft der starke Franken den Preisanstieg bei importierten Produkten – darunter auch bei Erdölprodukten – und verhindert somit eine Überschreitung des oberen Inflationszielwerts der Schweizerischen Nationalbank (SNB) von 2 Prozent.

„Demzufolge ist keine Massnahme der SNB anlässlich ihrer nächsten geldpolitischen Lagebeurteilung am 18. Juni erforderlich“, resümiert Guggia. „Wir rechnen weiterhin damit, dass die SNB ihren Leitzins unverändert lässt.“

 

Quelle: Migros Bank
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